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Sporttreiben und Gesundheit

Prof. Dr. phil. Christian Wopp

Sporttreiben und Gesundheit

1. Einleitung

Der Schulsport als Pflichtfach oder die staatliche Unterstützung des Sports in den Vereinen wird ganz wesentlich mit gesundheitlich positiver Wirkung begründet, die angeblich der Sport hat. Nach Schätzungen des statistischen Bundesamtes sind 16,9 % der Krankheiten bei den 40-49jährigen Männern und 17,7 % der Krankheiten bei den Frauen in dieser Altersgruppe auf Bewegungsarmut zurückzuführen.

Bei den über 70jährigen werden angeblich sogar mehr als die Hälfte aller Krankheiten durch Bewegungsarmut verursacht. Trotz dieser sehr allgemeinen Zahlen dürfte es erhebliche Schwierigkeiten bereiten, für die gesundheitliche Funktion des Sports umfassende, empirische Belege zu finden. Denn es gilt:

Sport ist nicht automatisch gesund

Im Jahre 1992 verzeichnete der organisierte Sport 125.706 Schadensmeldungen. Die Statistik erfasst 204 Sportunfälle mit tödlichem Ausgang. Jährlich gibt es ca. 1.500 Unfälle mit Invaliditätsfolgen (dsb Mitgliederrundschreiben 6/93, S. 25). Besonders gefährlich sind die Ballsportarten, bei denen 70 % aller Sportunfälle passieren (dsb‑Presse 7/93, S. 2). Jährlich endet für 3,9 Millionen das Ballspielen in der Arztpraxis, 75 % aller Unfälle beim Fußball ereignen sich beim Wettkampf, während der gleiche Prozentsatz beim Volleyball außerhalb der Spiele registriert werden. 2,4 Millionen Wintersportlerinnen und Wintersportler, 1,9 Millionen Tennisspielerinnen und Tennisspieler und 1,9 Millionen Joggerinnen und Jogger verletzen sich beim Sporttreiben und müssen sich teilweise langwierigen Behandlungen unterziehen (BAT-Freizeitforschungsinstitut 1986).

Besonders gefährdet bei den Männern ist die Altersgruppe der 22‑ bis 35jährigen. Vermutlich spielen Intensität des Sporttreibens und Risikobereitschaft eine Rolle. Die den Frauen sind die 15 ‑ bis 21jährigen genauso gefährdet wie die Gruppe der 22‑ bis 35jährigen. "Spitzenreiter" bei den Verletzungen sind Schäden an den Sprunggelenken.

In der Praxis des Laufpapstes Cooper häuften sich Anfang der 80iger Jahre Krankheits- und Todesfälle von Läuferinnen und Läufern, die pro Woche mehr als 50 Kilometer zurücklegten. Cooper vermutet, dass diese mit den freien Radikalen zusammenhängt. Das sind instabile Sauerstoffmoleküle, die der Organismus zwar benötigt, nicht aber in so großer Zahl, wie sie durch sportliche Belastung freigesetzt werden (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 9. 6. 1995). Allein beim Joggen können selbst für gesunde Menschen folgende Schäden auftreten: Hitzschlag, Arthrose, Herz‑Rhythmusstörungen, Eisenmangel, Magen‑Darm‑Beschwerden, Schwächung des gesamten Immunsystems bis hin zu Krebs.

Der Freizeitsport ist zum Unfallrisiko Nr. 1 geworden und es müßte zu jedem

sportlichen Vergnügen eine Packungsbeilage mit dem Hinweis geben:

"Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker".

Der Freizeitsport ist zum Unfallrisiko Nr. 1 geworden und es müsste zu jedem sportlichen Vergnügen eine Packungsbeilage mit dem Hinweis geben:

"Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker".

Der Sport hat nicht automatisch gesundheitliche Wirkungen, weil es nicht "den" Sport gibt.

Deshalb ist zu klären:

-          was unter Sport zu verstehen ist.

Bisher wurden mögliche negative Auswirkungen des Sporttreibens mit Unfallzahlen belegt. Gesundheit dürfte (oder sollte) mehr als die Abwesenheit von Unfällen und Verletzungen sein.

Deshalb ist zu klären,

-          was unter Gesundheit zu verstehen ist. Abschließend soll dann betrachtet werden,

-          wie Sportangebote gestaltet werden sollten, damit sie positive gesundheit­liche Wirkung haben.

Sport oder: Die Geschichte vom Verlust einer zentralen Idee

Nach vorliegenden Erkenntnissen entwickelte sich der Begriff Sport aus dem mit­tellateinischen "se disportare", was soviel wie "sich zerstreuen, vergnügen" bedeute­te, über das altfranzösische "desport" (Er­holung, Zerstreuung (zum englischen Wort "sport", das in der Gegenwart neben seiner Bedeutung als Sammelbegriff für Leibes­übungen auch Inhalte wie Vergnügen, Spaß, Zerstreuung und körperliche Erho­lung kennzeichnet. 1828 soll Fürst Pück­ler‑Muskau diesen Begriff in den deut­schen Sprachgebrauch eingeführt haben.

Innerhalb der Sportwissenschaft gibt es umfangreiche Versuche, den Begriff Sport zu definieren. Allen Definitionsver­suchen liegt die Annahme zu Grunde, dass im Mittelpunkt sportlichen Handelns Lö­sungen von Bewegungsaufgaben stehen, die willkürlich geschaffen werden und im Ergebnis nicht unmittelbar zu materiellen Veränderungen führen. Der Begriff Sport kennzeichnet die Verwirklichung von Ide­en, durch die festgelegt wird, welche Ziele die Bewegungen haben sollen. Im Kern geht es beim modernen Sport, der seinen Ursprung im England des 19. Jahrhunderts hat, um den Wettkampf, der als "Archime­discher Punkt' des Sports angesehen wer­den kann und um den herum sich Vorstel­lungen von Fairness und Chancengleich­heit, aber auch von Spaß und sozialer Ge­borgenheit gruppieren.

Bei einem engen Verständnis vom Be­griff Sport stehen Sportarten im Mittelpunkt, die mit eindeutig definierten messbaren Leistungszielen ausgeübt werden, für die ein internationales Regelwerk besteht und die dadurch als  Wettkampf organisierbar sind.

Gegenwärtig scheint es eine Auflösung der zentralen Idee des Sports zu geben. Der "Archimedische Punkt' scheint dem Sport verloren gegangen zu sein. Lösungen von Bewegungsaufgaben können mit unter­schiedlichsten Zielen erfolgen, wodurch es zu einer Pluralisierung von Spiel‑ und Be­wegungsformen gekommen ist.

Im Alltagsverständnis scheint sich ein weites Verständnis vom Begriff Sport

durchgesetzt zu haben. 1

Zunehmend bereitet es Schwierigkeiten zu erkennen, um welchen Sport es sich ei­gentlich handelt, wenn vom Sport die Rede ist. Dieser Grund dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, warum mit dem Begriff Sport Wortverbindungen konstruiert werden (z.B. Wettkampfsport, Spitzensport, Gesundheitssport, Berufssport). Darin wird zum Ausdruck gebracht, welchen Sinn jeweils besondere Lösungen der Bewe­gungsaufgaben haben sollen. Nachfolgend möchte ich jenen Sport betrachten, der von möglichst vielen Menschen betrieben wer­den kann. Ich bezeichne einen solchen Sport als Freizeitsport (Wopp, 1995).

3.    Freizeitsport oder: Die Suche  nach ultimativen Erlebnissen

Bei der Betrachtung des gegenwärtigen Freizeitsports gehe ich von folgenden Phä­nomenen aus:

 

Die Vielfalt ist ein prägendes Merkmal

des gegenwärtigen Freizeitsports.

Die Vielfalt erleichtert den Zugang zum freizeitsportlichen

Handeln und das Finden persönlich befriedigender Angebote.

Die Vielfalt der Angebote kann psychi­sche Prozesse der Menschen

dahinge­hend beeinflussen, dass diese auf der ständigen

Suche nach neuen Erlebnissen sin

Die Suche nach neuen Erlebnissen fördert eine weitere Vielfalt der Freizeitsportangebote, so dass sich Suchprozesse und Angebote gegenseitig aufschunkeln.

Die Vielfalt im Freizeitsport

In den zurückliegenden Jahren hat die Vielfalt der Spiel- und Bewegungsformen ständig zugenommen. Waren 1954 im DSB 6 Sportfachverbände vertreten, stieg die Zahl 1991 auf 55.

Zu berücksichtigen ist, dass viele Spit­zenverbände nicht nur eine Sportart ver­treten. Im Deutschen Turnerbund sind B. neben dem Geräteturnen u.a. Faustball, Ringtennis und Orientierungslaufen orga­nisiert. Zurzeit werden im DSB 70 Sport­arten betreut, die sich in über 150 Unter­formen aufgliedert. Weitere Sportarten bemühen sich um eine Aufnahme in den DSB, andere Bewegungsformen wie z.B. das Jonglieren haben kein Interesse an ei­ner Aufnahme, weil sich die Akteure nicht als Sportler, sondern als Bewegungskünstler verstehen.

Zur Vielfalt beigetragen hat auch, dass es innerhalb einer einzelnen Sportart Ausdifferenzierungen gab. So ist der Begriff des Laufens nur ein hypothetisches Kon­strukt. Dazu gehören u.a. Trimm‑Trab, Jogging, Wald‑ und Crosslauf, Orientie­rungslauf, Straßenlauf, Volkslauf, Mara­thonlauf, Berglauf, Ultra‑Langlauf, Stafetten‑Langlauf, Triathlon. Unter der Be­zeichnung Tanzen fanden Dietrich u.a (1990, 92 ff.) bei kommerziellen Anbietern in Hamburg 42 verschiedene Formen wie Jazztanz, Ballett Steppen, Bauchtanz, Rock'n'roll, Folklore, Tanztheater, Rhythmik, Break Dance. Im Bereich Fitness fanden Sack/Hennrich (1989, S.42) bei kommerziellen Anbietern in Berlin 27 verschiedene Formen, wie z.B. Fitnesstraining, Bodybuilding, Aerobic, Konditionstraining, Skigymnastik, Stretching, Body-Shaping, Konditionsgymnastik, Calenethenics.

 

Die Expansion des Freizeitsports

Die Zunahme der Vielfalt in den Spiel- und Bewegungsangeboten hat nur

unwesentlich zu einer Steigerung des regelmäßigen

bewegungsaktiven Anteils in der Bevölkerung beigetragen.

Der Anteil der sportaktiven Menschen in Deutschland wird vielfach nur durch grobe Schätzungen ermittelt. So nimmt Opaschowski (1987, 16) für die alten Bundesländer an, dass es 22 Millionen Freizeitsportler (= 45%) und 26 Millionen Nichtsporttreibende (= 55 %) gibt. Von den Freizeitsportlern sind 11 Millionen Gele­genheitssportler (= 22%), 10 Millionen Aktivsportler 2 1 %) und 1 Million Leistungssportler 2%). Für Opaschowski steht fest, dass sich in den zurückliegenden Jahren die Gruppe der regelmäßig oder gelegentlich Sporttreibenden millionenfach vermehrt haben muss.

Auf kommunaler Ebene wurden teil­weise wesentlich höhere Werte ermittelt. So sind angeblich in Stuttgart 72,5% sportlich aktiv (Wieland/Rütten 1991, 39).

Die einzelnen Werte können teilweise noch höher liegen, wenn z.B. das Sport­treiben in Abhängigkeit zur beruflichen Stellung betrachtet wird. In Stuttgart steigt der Anteil der sportlich aktiven von 60% der Arbeiter über 78% der Angestellten auf 80% bei den Beamten und 82% bei den Selbständigen (Wieland/Rütten 1992, 42 ff.).

 

Angesichts solcher Werte scheint eine gewisse Skepsis angebracht zu sein. Denn an der Spitze der Freizeitaktivitäten der Bundesländer liegt nicht der Freizeitsport, sondern Fernsehen (ca. 70%), Lesen (ca. 68%), zu Hause‑bleiben (ca. 67%) und Spazierengehen (ca. 57%) (Karst, 1989). Nach Fromme/Stoffers (1988, 357) kommt unter der 10 häufigsten Tätigkeiten in der Freizeit der Sport nicht vor, es sei denn, das Spazierengehen (liegt mit 70% an 8. Stelle) oder das Verreisen/Ausflug machen (mit 58% an 10. Stelle) gehören dazu.

Andere Untersuchungen belegen so­gar, dass ein Teil der bewegungsorientier­ten Handlungen zu den Verlierern in der Freizeit gehören, wie z.B. das Wandern ( ‑5%) und der Wintersport (‑ 3%), wohinge­gen das Fernsehen (+ 9%) noch einmal zugenommen hat (Opaschowski, 1988, 39). Zu den Gewinnern gehört aber auch das Radfahren (+ 7%), das vermutlich das Wandern abgelöst hat, weil es teilweise für viele Menschen gezwungenermaßen zu einem innerstädtischen geworden ist.

Die Instrumentarien zur Ermittlung des sportlich aktiven Anteils der Bevölke­rung sind zu ungenau, um den tatsächli­chen Umfang freizeitsportlichen Handelns zu ermitteln. Vor dem Hintergrund eines zunehmend unschärfer werdenden Sport­begriffs vermittelt sich das Bild eines stän­dig expandierenden Freizeitsports.

Tatsächlich jedoch dürfte kein quanti­tatives Wachstum des Anteils der sportak­tiven Bevölkerung stattgefunden haben, sondern nur ein Wachstum jener Sportar­ten, die heute im Gegensatz zu früher zum Freizeitsport dazugezählt werden.

Durch den unschärfer gewordenen Sportbegriff vermittelt sich in der Öffentlichkeit der Eindruck,
dass gegenwärtig mehr Menschen als früher sportlich aktiv sind.

Nach Opaschowski (1990, 47) beträgt der Anteil der sportaktiven Bevölkerung realistisch betrachtet ca. 28%. Dieser Wert ver­ringert sich, wenn genauere Kriterien herangezogen werden. Ca. 15% sind regelmä­ßig und ca. 30% regelmäßig und sporadisch aktiv. Diese Werte wurden auch schon vor mehr als 10 Jahren von Jütting (1976) und Schulke (1977) ermittelt. Die Vielfalt in den Angebotsformen in den zurückliegenden 5 Jahren hat nur bedingt eine Steigerung des prozentualen der sportaktiven Bevölkerung bewirkt. Die großen Steigerungsraten dürften in den 70igern, teilweise noch zu Beginn der 80iger gelegen haben.

Der Freizeitsport befindet sich nach den vorliegenden Kenntnissen am Ende seines quantitativen Wachstums.

Diese Feststellung wird durch Untersuchungen von Opaschowski (1990, 47) ge­stützt, wonach 28% in der Bevölkerung Sport treiben und 29% dieses gerne ma­chen würden. Trotz aller Skepsis gegen­über den ermittelten Werten belegt die Differenz von nur einem Prozent, dass bei den Angeboten des Freizeitsports ein ge­wisser Sättigungsgrad erreicht ist. Ver­schiebungen scheint es vorrangig bei den Sportgewohnheiten innerhalb des schon sportaktiven Bevölkerungsteils  zu geben.

Erlebnissuche und Enttäuschungen

Der gegenwärtige Freizeitsport wird maßgeblich durch die Suche nach Erleb­nissen beeinflusst.

Früher dominierten im traditionellen, pri­mär wettkampforientierten Freizeitsport Außenorientierungen, die auf das Errei­chen eindeutiger Resultate abzielen (Ge­winnen oder Verlieren, Herstellen einer gelungenen Spielaktion, Erzielen bestimm­ter Weiten und Höhen usw.). Handlungen im gegenwärtigen Freizeitsport sind primär innen orientiert, weil sie auf Erlebnisse abzielen, die von den Sporttreibenden als angenehm und beglückend empfunden werden.

Die nicht unerhebliche Zahl von re­gelmäßig sportlich aktiver Menschen ver­weist darauf, dass viele von ihnen bei der Suche nach beglückenden Erlebnissen er­folgreich waren. In vielfältiger Weise wer­den beim Sporttreiben emotionale Zufrie­denheit und selbstvergessenes Aufgehen im Handeln erlebt, wie Untersuchungen zur Befindlichkeitsveränderungen bestäti­gen (Erleben des körperlichen Wohlbefin­dens nach Abele/Brehm, 1984, Brackha­ne/Würz, 1984, Verbesserung des Körper­bewusstseins nach Bednarek 1986, Kno­bloch/Hölter, 1986 oder psychischen Sta­bilisierung durch Ausdauersportarten nach Weber, 1982, 1984, Banzer, 1988.

Aber nicht alle Menschen finden im Freizeitsport das, was sie gesucht haben, wobei sie häufig nicht genau wissen, was sie eigentlich suchten. Aufgespürt wurden in der Freizeit Phänomene wie Vereinsa­mung, Langeweile, Stress und Gesundheits­risiko (Nuber, 1990).

Es kann eine Spirale der Enttäuschun­gen entstehen. Danach wenden ich Men­schen einem bestimmten Angebot zu, weil sie damit bestimmte Hoffnungen (z.B. Be­seitigung gesundheitlicher Probleme, Ver­änderung ihres persönlichen Aussehens) verbinden, die häufig aufgrund unrealisti­scher, isolierter Erwartungshaltungen nicht in Erfüllung gehen (können).

Es besteht die Gefahr einer inadäqua­ten kognitiven Abbildung dieser Misserfolge, die nur selten der eigenen, fehlerhaften Erwartungshaltung als vielmehr den fal­schen Angeboten angelastet werden. Ge­nauere Erkenntnisse über Abbrecher liegen in der Sportwissenschaft nicht vor, obwohl z.B. in den Ausdauersportarten bekannt ist, dass es sie tausendfach gibt (Schul­ke/Sperle, 1989). Bei den Fitness‑Studios lösen schon 40% nach einem Jahr ihre Mitgliedschaft (Palm, 1989, 9).

Der unbegrenzten Erlebnisnachfrage begegnen Freizeitsportanbieter

mit einer unendlichen Vielfalt an Angeboten, wo­durch sich die Suche nach

Erlebnissen und die Ausweitung der Angebotsvielfalt gegenseitig aufschaukeln.

4. Gesundheitsverständnis

Zu dem Begriff der Gesundheit gibt es umfassende, mehr oder weniger kompli­zierte Definitionen. Die Weltgesundheits­organisation definiert Gesundheit als Zu­stand des völlig körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens. Eine solche Definition ist jedoch zu allgemein, um dar­aus Maßnahmen für gesundheitsorientier­tes Sporttreiben ableiten zu können. Nach­folgend soll jenes Gesundheitsverständnis dargestellt werden, das dem Pilotprojekt der Universität Oldenburg zum Gesund­heitszentrum Hochschulsport zu Grunde lag (Stemmermann/Wopp/Zechner, 1994).

Jeder Mensch ist in ein kompliziertes Netz an Beziehungen zu seiner natürli­chen und sozialen Umwelt eingewoben.

Ein solches Netz besteht aus Knotenpunk­ten und Verbindungen. Folgende Knoten­punkte sind von besonderer Bedeutung.

-          Die Handlungen, wodurch Menschen Beziehungen zu ihrer Welt herstellen.

-          Die Ziele, als Ideen und Orientierungen des Han­delns

-          Die Methoden, als Strategien zum Erreichen von Zie­len

-          Die sozialen Bezüge, als Beziehungen zwischen den Men­schen

-          Die Zeit, als das Vorher, Nachher und die Zu­kunft des Handelns

-          Die institutionellen Bedingungen, als der Organisationsrahmen des Han­delns

-          Die ökologischen Bedingungen, als die natürliche und bebaute Um­welt.

-          Die ökonomischen Bedingungen, als die finanziellen Bedingungen des Handelns.

Neben diesen großen Knoten gibt es viele weitere, kleine Knotenpunkte, die mit den großen Knoten verbunden sind und dadurch in Wechselbezie­hung zu allen anderen Knoten stehen.

Das Modell des Netzes mit den Knotenpunkten und Wechselbezie­hungen basiert auf der Annahme, dass der Mensch durch seine Handlungen in einer aktiven Auseinandersetzung mit seiner Welt steht, wodurch er diese erlebt und verändern kann. Während aus der Außensicht das Netz mit den verschiedenen Knoten und Wechsel­beziehungen als makroökologischen Kontext die Lebensbedingungen prägt, wird aus der Innensicht das Netz von jedem Menschen erlebt, wodurch ein mikroökologischer Kontext entsteht, der in der Lebensweise der Menschen sichtbar wird.

Kleinste Veränderungen innerhalb eines einzigen Knotens können sich durch Ereignisketten zu gewaltigen Wirkungen summieren und damit das gesamte Netz verändern, was in der Chaosforschung als "Schmetterlings­effekt" bezeichnet wird und besagen soll, dass theoretisch betrachtet der Flügelschlag eines Schmetterlings große Gewitter oder Schneestürme auslösen kann.

Ein solches Netz wird alltäglich durch eigene Handlungen (überwie­gend unbewusst) erlebt, beeinflusst und teilweise gezielt gestaltet. Jeder Mensch dürfte in der Absicht, glück­lich zu leben, bemüht sein, sein Netz an Beziehungen im Sinne eines dyna­mischen Gleichgewichts in einer ge­wissen Stabilität zu halten.

Erlebt wird ein solcher Zustand vorrangig als physisches, psychisches und soziales Wohlbefinden. Diese subjektive Befindlichkeit ist jedoch kein Zustand, der dauerhaft hergestellt werden kann, sondern ein dynamischer Prozess, der ständigen Einflüssen und Veränderungen unterliegt. So kann es Bedingungen geben (z.B. schlechte Luft in Arbeitsräumen, überfüllte Lehrveranstaltungen, Krisen in den Beziehungen zu Lebenspartnern), die nur begrenzt ausgeglichen werden können, wodurch die gesamten Le­bensbedingungen sich verändern kön­nen und das entsteht, was nachfolgend als Krankheit bezeichnet wird.

Krankheiten entstehen dadurch, dass das Netz des Menschen an bestimmten Stellen zerreißt.

Diese Definition besagt, dass Krankheit durch Balanceprobleme entsteht. Es besagt jedoch auch die Möglichkeit, diese Definition umzukehren und nicht Krankheit zu definieren, sondern zu fragen, was Menschen gesund bleiben lässt. Gesundheit ist danach ganz we­sentlich eine individuelle Leistung, die darin besteht, das persönliche Netz in einer gewissen Balance zu halten.

5. Sport und Gesundheit

Der Begriff Gesundheit ist inner­halb des Freizeitsports zu einer

"Superkategorie" geworden, mit der die brüchiger oder leerer

ge­wordenen anderen Sinnstiftungen sportlichen Handelns ersetzt

oder zumindest aufgefüllt werden sol­len.

Warum gerade der Freizeitsport für die Gesundheit instrumentalisiert wurde, lässt sich mit einem Wandel in den Krankheits­bildem erklären. Während früher die In­fektions‑ und Akutkrankheiten dominierten, sind es heute die chronisch‑degenerativen Erkrankungen wie Herz‑Kreislauf­Versagen, viele Krebsarten, Erkrankungen der Atemwege usw.. Die Medizin, die bei der Bekämpfung der Akutkrankheiten sehr erfolgreich war, stößt gegenwärtig zuneh­mend an Grenzen, weil es nicht einzelne Ursachen oder Erreger gibt, sondern kom­plexe Prozesse biologischer, psychischer und sozialer Bedingungen. Eine rein so­matisch orientierte Medizin würde in sol­chen Situationen zu kurz greifen, so dass ein richtig betriebener Sport eventuell Hil­festellung bieten kann.

Weitere Gründe für die wachsende Bedeutung der Gesundheit, als neue Ori­entierung im Freizeitsport, sind sicherlich die ständig steigenden Kosten im Gesund­heitswesen, die die Krankenkassen veranlassten, verstärkt im Bereich der Prävention aktiv zu werden. Dort bot sich der Freizeit­sport als kostengünstige Lösung an.

Hinzu kam ein gewandeltes Gesund­heitsverständnis der Bevölkerung, wo eine größere Sensibilität gegenüber krank machenden Einflüssen und die Bereitschaft entstanden war, in der eigenen Lebensfüh­rung Veränderungen vorzunehmen, wozu auch das Sporttreiben gehörte. So ist es nicht verwunderlich, dass es in Stuttgart 82% der Befragten als wesentliche Aufga­be der Sportvereine ansahen, mehr als Ge­sundheitsangebote zu unterbreiten (Wie­land/Rütten, 1991, 155).

Angesichts allgemeiner Orientie­rungslosigkeit konnte die Gesundheit zu einem neuen Leitbild werden, weil es sich hierbei um den letzten, für alle Menschen gültigen Wert handelt.

Vom organisierten Sport wurde die Ge­sundheit als neue Orientierung deshalb dankbar aufgegriffen, weil sich hier für den orientierungslos dahintreibenden Freizeit­sport eine Ersatzorientierung anbot, die vor dem Hintergrund allgemeiner gesundheitli­cher Probleme auf eine große Akzeptanz in der Bevölkerung traf und damit einen er­heblichen Mitgliederzuwachs versprach.

In der Gegenwart werden unter Be­zugnahme auf unterschiedlichste Auffas­sungen von Gesundheit, basierend auf dem Prinzip Hoffnung, veränderte Ernährungs ­und Bewegungsgewohnheiten (Schul­ke/Vandre, 1992) ebenso propagiert wie die funktionelle Verwendung der Wirbel­säulengymnastik oder Formen des Ent­spannungstrainings (Kuhlmann, 1987, Sommer, 1988). Vorliegende Untersu­chungen lassen es jedoch fraglich erschei­nen, ob tatsächlich ein enger Zusammen­hang zwischen Freizeitsport und Gesund­heit besteht (z.B. Solomon, 1987). Nach Stamford/Shimer (1991) wird die Wirkung intensiver körperlicher Belastungen für die Gesundheit überschätzt. Neuere Untersu­chungen belegen, dass ein bescheidenes Maß an Bewegung das Risiko auf Herzer­krankungen ebenso deutlich verringert wie z.B. ein hohes Maß an Fitness. Nach Stam­ford/Shimer ist das Credo "Ohne Fron kein Lohn" im eigenen Schweiß ertrunken. Sol­che Erkenntnisse halten viele Interessenten dennoch nicht vom Besuch gesundheitsori­entierter Freizeitsportangebote ab.

Die Suche vieler Menschen nach Er­lebnissen erhält in den

gesundheitsori­entierten Freizeitsportangeboten den Charakter

des Suchens nach möglichst unmittelbar sich einstellenden Ge­sundheitserlebnissen.

Bei der Aufwertung der Gesundheit zum neuen Leitbild besteht die Gefahr, dass Krankheit‑ auch im moralischen Sinne‑ nur noch negativ etikettiert wird. Wodurch Sinn und Funktionen von Krankheit ver­deckt werden. Im Mittelpunkt scheint eine Gesellschaft zu stehen, die sich durch den Verlust der Fähigkeit, überhaupt noch lei­den zu können, auszeichnet.

Schließlich wird bei konsequenter Fortführung der innen gerichteten, indivi­duellen Erlebnisorientierung des freizeit­sportlichen Handelns die Gesundheit als Leitbild nur noch als individuelles, und nicht als ein strukturelles Problem begrif­fen. So bleibt z.B. in den misten gesund­heitsorientierten Angeboten des Freizeit­sports der Zusammenhang von Gesundheit und sozialem Handeln ausgeblendet. Mög­liche Mißerfolge oder nicht erfüllte Ge­sundheitshoffnungen können demgemäß nur als individuelles Versagen interpretiert werden, wodurch das eintreten kann, was oben als die Spirale der Negativerlebnisse beschrieben wurde.

6. Gesundheitsorientierte Sportangebote

Bei dem Versuch, gesundheitsorientierte Sportangebote zu entwickeln bzw. die ge­sundheitliche Wirkung einzelner Angebote zu verbessern, wurde an der Universität Oldenburg im Rahmen des Pilotprojektes vom oben formulierten Gesundheitsverständnis ausgegangen und gefolgert:

Wenn das Sporttreiben gesundheitliche Wirkung haben soll, dann geht es dar­um, mit Hilfe von Bewegungsangeboten zur Stabilisierung des persönlichen Net­zes beizutragen.

Ausgehend von dieser Annahme wurden Netze betrachtet, die sich z.B. bei Studie­renden durch ihre besondere Lebenssitua­tion an der Hochschule ergeben. Es wurden so genannte Szenarien entwickelt, die Aussagen darüber enthalten, wie die persönli­chen Netze gestaltet sein müssten, damit sie eine gewisse Stabilität aufweisen.

Die Darstellung dieser Szenarien wür­de den Rahmen der hier vorliegenden Aus­führungen sprengen. Deshalb soll nachfol­gend auf einige Konsequenzen eingegan­gen werden, die sich aufgrund der Szenari­en ergaben.

6.1 Verbesserung der traditionellen Angebote

Zunächst gilt einmal die Feststellung, dass nur eine Minderheit jene Angebote be­sucht, bei denen die Gesundheitsförderung (z.B. Rückenschulen, Entspannungstrai­ning usw.) im Vordergrund steht. Millio­nen von Menschen nehmen an den tradi­tionellen Sportangeboten teil. Deshalb müsste es ein wesentliches Anliegen sein, die gesundheitliche Qualität dieser Ange­bote zu verbessern. Im Forschungsvorha­ben wurden viele traditionelle Angebote beobachtet, analysiert und es wurden Ver­besserungsvorschläge entwickelt, die The­ma der Übungsleiterfortbildung waren.

6.1.1 An‑und Aufwärmen

Unter An‑ und Aufwärmen werden jene Maßnahmen verstanden, die die Sporttrei­benden auf bevorstehende Betätigungen physisch und psychisch vorbereiten.

Analysen ergaben, dass in vielen An­geboten ohne Einstimmung relativ schnell zum bewegungsaktiven Teil übergegangen wurde. Dadurch erhielten viele Teilnehmer keine Chance, vom Alltagsstress abzu­schalten, um sich auf das Angebot in aller Ruhe einzustellen. Auch vergaben dadurch Übungsleiter Chancen, mit Teilnehmern ins Gespräch zu kommen

Ausgehend von einem Mehrperspekti­vischen Verständnis von Aufwärmen gibt es verschiedene Formen aktives, passives und halb aktives Aufwärmen, die unterschiedliche physiologische und psychoso­ziale Wirkungen haben.

6.1.2 Entspannung und Körpere~fahrung

Die Funktionen der Entspannung liegen vor allem in den Möglichkeiten regenerativ und kompensatorisch auf körperliche und geistige Belastungen wirken zu können.

Beobachtungen ergaben, dass sich ins­besondere bei den Ballspielen das Einbrin­gen einzelner, gesundheitsbezogener In­halte als problematisch erwiesen. So er­warteten Teilnehmer dort z.B. keine Entspannungs- oder Ruhephasen.

Bei einer genaueren Betrachtung erga­ben sich jedoch unterschiedliche Möglich­keiten. Zu unterscheiden sind vor allem gedankliche, körperliche, atmende und psychische Wege zur Entspannung. Ob­wohl die Auswirkungen der Entspannung individuell sehr unterschiedlich sind, kön­nen vor allem die beiden großen Bereiche der körperlichen und psychischen Auswir­kungen unterschieden werden. Bei den körperlichen Auswirkungen sind u.a. Ver­änderungen des Muskeltonus, Gefäßer­weiterung, Regulierung der Atemfrequenz und Senkung der Herzfrequenz beobacht­bar. Bei den psychischen Auswirkungen sind vor allem Zunahme der Konzentrati­onsfähigkeit, Sensibilisierung gegenüber körpereigenen Prozessen und das Erleben von Ruhe und Gelassenheit bedeutsam.

In der Praxis können u.a. Märchen als Medium der Meditation, Kontaktspiele, Partnermassagen, Phantasiereisen, Atem­übungen und Tiefenmuskelentspannungen (progressive Relaxation) eingesetzt wer­den.

Vernachlässigt wurden in nahezu allen Angeboten Möglichkeiten, Übungen zur Entfaltung der Sinne einzubringen. Mög­lich ist das jedoch z.B. durch Ausschaltung des Sehorgans bei bestimmten Aufgaben, Sinnesstationen beim Zirkeltraining, Ge­schicklichkeitsaufgaben im spielerischen Teil, Wahrnehmungsübungen in der Ent­spannungsphase usw..

6.1.3 Funktionelles Dehnen und Kräftigen

Die Bedeutung des funktionellen Dehnens und Kräftigens liegt darin, dass durch ent­sprechende Übungen das Zusammenspiel einzelner Muskeln effektiviert werden kann, was u.a. eine Verminderung des Verletzungsrisikos zur Folge hat.

Ansatzpunkt der funktionellen Gymna­stik ist die Annahme muskulärer Dysba­lancen, wodurch ein optimales Zusam­menwirken des Muskelapparates gestört ist. Funktionell bedeutend sind demnach Maßnahmen zur Dehnung und Kräftigung von Muskeln, bis diese ihre Funktionen am menschlichen Körper wieder optimal er­füllen können.

Es gibt verschiedene Dehn‑ und Kräfti­gungstechniken wie z.B. dynamisch­‑aktives Dehnen, statisch passives Deh­nen, Anspannungs‑/Entspannungs‑Dehnen, statisch/isometrisches Kräftigen und dy­namisch/isokinetisches Kräftigen.

6.1.4 Ausdauertraining

Eine gute Ausdauer ist Voraussetzung so­wohl für viele Sportarten als auch für viele  alltägliche Anforderungen. Durch gezieltes Ausdauertraining kann die Anpassungslei­stung des Herz‑Kreislauf‑Systems und des Muskelstoffwechsels verbessert werden. Durch eine gute Ausdauer verbessert sich die Regenerationsfähigkeit nach Belastungen.

Zu unterscheiden ist zwischen Grundla­genausdauer als Basis zur Entwicklung

anderer Fähigkeiten und spezieller Aus­dauer als anforderungstypische Bela­stungsintensitäten. Hinsichtlich des Ener­giebereitstellungsweges wird zwischen aerober und anaerober Ausdauer unter­schieden.

Bei den Methoden des Ausdauertrai­nings kann zwischen der Dauermethode, der Intervallmethode, Wiederholungsme­thode und Wettkampfmethoden unter­schieden werden. Während die Dauerme­thode der Verbesserung der aeroben Kapa­zitäten dient, steht bei der Intervallmethode das Prinzip der lohnenden Pausen im Mit­telpunkt. Bei der Wiederholungsmethode werden Strecken mit maximaler Intensität bewältigt.

6.1.5 Neue Spiele

Da für die meisten Menschen der Sinn sportlichen Handelns in der Erzeugung angenehmer, spannender und beglückender Erlebnisse liegt, geht es im Freizeitsport um die Herstellung von Situationen, die solche Erlebnisse ermöglichen. Diese stel­len sich besonders dann ein, wenn Prinzi­pien des Spielerischen beachtet werden.

Im Mittelpunkt steht dabei das Anlie­gen, äußere Bedingungen lediglich als Handlungsmöglichkeiten zu interpretieren, die entsprechend den Ideen der Spielenden gestalt‑ und veränderbar sind. Menschen spielen dann, wenn sie selbstvergessen im Handeln aufgehen.

Beobachtungen ergaben, dass sich in den Fitnessangeboten viele Übungsleiterinnen und Übungsleiter scheuten, spielerische Inhalte einzubauen. Erfahrungen zeigen jedoch, dass dieses möglich war und von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern dankbar angenommen wurde.

Prinzipien des Spielerischen lassen sich nicht nur in Spielen verwirklichen, sondern in nahezu allen Sportarten (und vielfach auch in alltäglichen Anforderungen).

6.1.6 Rückengerechte Übungen

In der Phase des Aufwärmens aber auch in speziellen Trainingsabschnitten werden im Sport vielfältige gymnastische Übungen eingesetzt. Es ist zu fragen, ob diese Übungen immer rückengerechte sind, da­mit nicht durch das Sporttreiben Rücken­probleme erzeugt oder sogar verstärkt wer­den.

In der Praxis können verschiedene For­men des Liegens, Sitzens, Stehens und Gehens eingesetzt und auf die unterschied­lichen Körperstellungen durch das Becken, den Kopf und die Schulter sowie die Füße aufmerksam gemacht werden. Formen des Bückens, Hebens und Tragens mit und ohne Geräte können gezielt vorgestellt werden.

6.2. Angebote zur Vorbeugung und zur Beseitigung von Rückenproblemen

Das Rückenproblem ist offensichtlich zur "Volkskrankheit" Nr. 1 geworden. Dazu einige Zahlen aus dem Hochschulbereich. In einer umfassenden Befragung von Hochschulangehörigen stellte sich heraus, dass viele der Bediensteten und Studieren­den den größten Teil des Tages im Sitzen verbringen. So gaben 35% der Studieren­den an, 8‑10 Stunden am Tag zu sitzen und weitere 25% verbrachten noch 6‑8 Stunden im Sitzen pro Tag. Befragungen bei den Angestellten ergaben; dass die männlichen Angestellten aufgrund ihrer Tätigkeitsbe­reiche kaum sitzen, dagegen die weibli­chen Angestellten überwiegend sitzenden Tätigkeiten nachgehen. 54% der weibli­chen Angestellten verbringen 4‑6 Stunden und 23% 8‑ 10 Stunden am Tag im Sitzen.

Die Frage, ob sie unter Rückenbe­schwerden leiden, bejahten 95% der Stu­dentinnen (82,5% Studenten) und 93% der weiblichen Angestellten ( 71 % männliche Angestellte).

Die Vermutung, dass die Rückenbe­schwerden überwiegend durch sitzende Tätigkeiten ausgelöst werden, bestätigte sich in der Auswertung der Frage, ob die Beschwerden auch während des Sitzens auftreten. So gaben 33% der Studentinnen an, während des Sitzens unter Rücken­schmerzen zu leiden (18% der Studenten) und 35% der weiblichen Angestellten. Die männlichen Angestellten dagegen gaben an, dass ihre Rückenbeschwerden beim Tragen (57%) und Heben (43%) auftraten.

Zur Beseitigung dieser Probleme boten sich zwei Möglichkeiten an:

  • Durchführung von Rückenschulkur­sen.
  • Einrichtung einer Verleihstation für rückengerechte Sitzmaterialien.

6.2.1 Rückenschule

Eine Rückenschule sollte durch eine Ver­haltensänderung im Alltag der Menschen dazu beitragen, Rückenbeschwerden zu vermindern oder prophylaktisch zu verhin­dem.

Inhalte der überwiegend in Kursform durchgeführten Angebote sind, neben ge­zielter funktioneller Gymnastik, auch Ent­spannungsübungen sowie Übungen zur Körper und Selbstwahmehmung.

Das Angebot wurde über zwei Semester im Rahmen einer Magisterarbeit betreut.

Der Kurs fand wöchentlich an zehn Terminen jeweils 90 Minuten statt und wurde von einer ausgebildeten Kursleiterin durchgeführt.

Untersuchungen ergaben sowohl eine deutliche Verbesserung der Schmerzzu­stände als auch eine Veränderung des Ver­haltens. Einige Ergebnisse belegen jedoch, dass es bezüglich des Langzeiteffektes der Maßnahme zwar eine Verbesserung des Wohlbefindens bewirkt wurde (in Form von Strategieveränderungen mit Schmer­zen umzugehen), aber mit der Zeit die al­ten Gewohnheiten, die neuen Verhal­tensänderungen wieder ablösten. Andere Teilnehmer hingegen gaben an, dass ihr Bewusstsein für eine Verhaltensänderung gewachsen war, obwohl sie neue Verhal­tensweisen noch nicht automatisiert hatten.

6.2.2 Verleihstation

In einer Verleihstation an der Universität Oldenburg kann jeder neben Sitzkeilkissen, Lendenkissen auch einen AOK‑Fit‑Ball zu sehr geringen Konditionen ausleihen. Er­fahrungen belegen, dass aus der Verleihsta­tion in kürzester Zeit zu einer Verkaufs­zentrale für ergonomisch unterstützende Materialien geworden war. Innerhalb von sechs Wochen wurden 300 Kissen und knapp 1.000 Bälle verkauft. Später wurden 80 Personen, die sich einen Sitzball ge­kauft bzw. geliehen hatten danach befragt, welche Erwartungen und anschließende Erfahrungen sie mit den Bällen gemacht haben.

Von den Befragten gaben 42,8% an, dass sie unter akuten Rückenbeschwerden lei­den. Neben dem Argument den Ball aus Interesse bzw. Neugier gekauft zu haben (47,6%), gaben 46,2% an, dass sie sich den Ball angeschafft haben, um ihre Sitzhal­tung aktiv verbessern zu wollen. 52,3% der Leute gaben an, dass sie den Ball als kon­krete Alternative zum Stuhl einsetzen wollten.

Neben dem Einsatz des Balls als Sitz­möbel benutzen ihn viele auch für gymna­stische Übungen (42,8%), arbeiten bei Ent­spannungsübungen mit dem Ball (26,1 %) oder setzen den Ball auch beim Spielen mit Kindern ein.

6.3 Entspannungszonen und Entspannungsangebote

Defizitanalysen ergaben, dass das zur‑­Ruhekommen und die Entspannung im Alltag häufig vernachlässigt werden. Daraufhin wurden innerhalb der Universität

‑ Ruheräume

‑ Sinnesstationen eingerichtet.

Diese Maßnahmen sind auch in anderen, öffentlichen Einrichtungen denkbar und ‑wie einige Praxisbeispiele zeigen ‑ mög­lich.

Hinzu kommt, dass auch im Sport Entspan­nungsangebote große Attraktivität besit­zen. Als Beispiel soll auf

‑ das Entspannungstraining im Wasser verwiesen werden.

6.3.1 Ruheraum

Insbesondere der Stress durch Überfüllung und die damit verbundene Hektik während des Universitätsalltages verlangt die Mög­lichkeit für Hochschulangehörige, sich in Ruhe zurückziehen zu können, ohne die Universität verlassen zu müssen. Aus die­sem Grund haben Hochschulangehörige in der Mittagspause die Möglichkeit, im Sportzentrum einen extra dafür eingerich­teten Ruheraum zu benutzen. Um den sonst für sportliche Aktivitäten genutzten Raum auch gemütlich zu gestalten, wurden täg­lich Matten, Decken und Kissen zur Ver­fügung gestellt.

6.3.2 Sinnesstationen

Aufgrund einer Analyse der Räumlichkei­ten der Universität wurde ermittelt, dass die unmittelbare Umwelt der Studierenden und Bediensteten häufig sehr monoton und reizlos gestaltet ist. Tagtäglich hetzten die Menschen an der Universität durch lange. lieblos gestaltete Flure, um letztendlich in sterilen, farblosen Veranstaltungsräumen anzukommen. Die menschlichen Sinne werden in dieser menschenfreundlichen Architektur vernachlässigt. Mit Hilfe der Sinnesstationen in der Universität sollte der "Ent‑Sinnlichung" entgegengewirkt werden. Besonders die Flure, die zu Hektik und Eile aufrufen, sollten durch die Statio­nen einen beruhigenden Charakter be­kommen. Wichtige Anregungen liefert der Künstler und Architekt Hugo Kückelhaus, der dazu aufrief, bei dem Bau von Kinder­gärten, Heimen, Schulen, Fabriken, Büros und Universitäten den sinnhaften Umgang mit Erscheinungen der Gesetze der Polari­tät, der Symmetrie, der Periodik und des Magnetismus zu berücksichtigen, um sich und seine Umwelt zu erfahren (vgl. Kükel­haus1Zur Lippe, 1992,49).

Beispiele für Sinnesstationen:

Dreizeitenpendel: Es handelt sich dabei um drei Kugeln, die sich zwar um den gleichen Drehpunkt schwingen, dieses jedoch in unterschiedlichen Zeiteinheiten. Während das Kugelgewicht mit dem längsten Pen­delarm eine Vollschwingung ausführt, führt das mittlere zwei, das obere drei Schwingungen aus, entsprechend der dar­auf bemessenen Länge der Pendelarme. Der ausgesprochen rhythmischen Eigen­schaft des Dreizeitenpendels entspricht eine rhythmisierende Wirkung auf den Beobachter.

Rückstellkraft: In einem Metallgestell sind elf Stahlkugeln hintereinander an Draht­seilen aufgehängt. Die schwingfähigen Stahlkugeln berühren jeweils ihre Nach­barkugeln. Mit dieser und den Weiteren in der gleichen Weise aufgehängten Kugeln bilden sie eine Reihe. Wird eine der Ku­geln ausgelenkt und in Schwingung ge­bracht, stößt sie ihre Nachbarkugel an. Diese wiederum gibt den Impuls an die nächste Kugel weiter usw. Der Impuls eilt durch alle Kugeln hindurch, ohne dass diese dadurch bewegt werden, bis zur letzten, die keinen Nachbarn mehr vor sich hat. Sie fliegt so hoch, wie die erste Kugel ausge­lenkt war. Sie fällt zurück und stößt ihren Nachbarn an. Damit wiederholt sich der Vorgang. Es scheint, als ob es magnetische Kräfte gibt, die den Anstoßimpuls durch die Reihen der ruhenden Kugeln hindurch treiben.

Pulsation: Die 1 x 1 in große Tafel zeigt schwarze, konzentrische Quadratlinien mit kreisförmig gebogenen Ecken. Die Tafel dreht sich über ein im Zentrum befindli­ches Kugellager. Man versetzt sie in lang­same Drehung und tritt etwas zurück, um sie anzuschauen. Die geraden Strecken der Quadratlinien beginnen sogleich, sich nach innen einzubiegen, während die runden Ecken sich vorzuwölben scheinen. Die Linien scheinen sich wellenförmig, um den Mittelpunkt zu winden. Das Linienfeld insgesamt erweckt den Anschein, sich pul­sierend zusammenzuziehen und zu weiten. Dieser Vorgang findet nicht auf der Tafel (dem Objekt des Sehens) statt, sondern einzig im Betrachter (dem Subjekt des Se­hens).

Brummtöpfe: Unsere Brummtöpfe sind eine Abwandlung des Summsteins (Kükel­haus). Zwei große Blumentöpfe wurden zu diesem Zweck in ein Holzgestell montiert. Die Aufgabe ist es, den Kopf in die Töpfe zu stecken und Summ‑ und Brummtöne zu erzeugen. Die Höhe des Summtons kann jetzt so abgestimmt werden, dass das Sum­men in ein innen wie außen wahrnehmbares Dröhnen übergeht. Das Dröhnen wird als eine den ganzen Körper ergreifende wohltuende Vibration empfunden, dessen Wirkungsweise mit der des Echohörens verwandt ist.

Fußparcours: Mehrere, hintereinander gelegte flache Holzlängskästen ergeben einen Fuß‑Fühl‑Pfad. In den Kästen befin­den sich unterschiedlichste Materialien, wie z.B. Holzreste, Mulch, Bambusstäbe, Sand, Plastikabtretmatten, Tonkugeln, Gips. Die Teilnehmerinnen und Teilneh­mer sind aufgefordert, ihre Schuhe und eventuell ihre Strümpfe auszuziehen, um Tast‑ und Fühlerfahrungen mit den Fuß­sohlen zu machen. Unter anderem kann der Fußparcours auch als eine "Fußsoh­len‑Reflex‑Massage" gesehen werden, denn durch die unterschiedlichen Materia­lien werden Reizpunkte auf der Fußsohle aktiviert, die wiederum mit bestimmten Organen verbunden sind. Diese Massage hat eine wohltuende Wirkung auf den menschlichen Organismus.

Tastwand: Auf einer transportablen Holzwand ist die Geschichte eines Igels aufgezeigt. Die Tastwand wird möglichst zu zweit erfahren. Eine Person wird aufge­fordert die Geschichte des Igels laut vor­zulesen und die zweite Person verfolgt die Geschichte durch das Tasten der Hände. So erlebt der Igel Max (Spülbürstenkopf) ei­nige Abenteuer auf der Suche nach einem Haus. U.a. trifft er auf einen alten Schuh, auf einen Kaninchenbau (Aushöhlung mit Sand), klettert über einen Zaun (Stückchen Zaun hochkant an der Wand angebracht), überquert eine Straße (Schmirgelpapier) und findet sich letztendlich in seinem Bett wieder und merkt, dass alles nur ein Traum war.

Tastkästen: Eine einfache Art, verschiede­ne Materialien fühlen zu lassen, ist der Bau von Holzkästen. Unsere Kästen sind mit Hilfe von Holzständern auf eine angeneh­me Höhe gebracht worden. Die Kästen wurden mit verschiedenen Materialien, wie z.B. Watte, Stoff, Federn, einem Besen­kopf usw. gefüllt.

Riechleine: Ein Holzgestell ermöglicht die Aufhängung eines dicken Seils, an dem mehrere Leinensäckchen, gefüllt mit unter­schiedlichen Kräutern, hängen. Aufgabe ist es, die verschiedenen Düfte zu erkennen und zu bestimmen. Die Auflösungen be­finden sich jeweils an den einzelnen Säck­chen.

Klangbar: Die Klangbar ist mit Röhren

Dicke, Länge und Mate­rialien (Kupfer, Kunststoff, Pappe und Bambus) ausgestattet. Die Röhren ermög­lichen einmal das Hören des Raumes und mit Hilfe eines Holzklöppels auch die Pro­duktion verschiedener Klänge.

Durch die Analyse des Geräuschpegels nach hohen und tiefen Schallfrequenzen im Raum, mit Hilfe der unterschiedlichen Röhren, kann die Vielschichtigkeit und Vielgestalt des Raumes erlebt werden.

Schalldichte Box: Ein auf Holzbeinen auf­gestellter Holzkasten ist mit Dämmmateri­al ausgeklebt. Der Kopf wird in den Kasten gesteckt und ähnlich wie bei den Brumm­töpfen wird in den schallgedämpften Raum gesprochen, gesummt oder geklatscht.

Der erzeugte Schall wird "verschluckt". Die Dumpfheit, die man dabei empfindet, hat ihren Grund darin, dass die äußeren Vorgänge sich im Inneren des Gehörs mit seinem Nerven‑ und Blutbahnsystem wie‑­derholen.

Schaukelstuhl: Der Schaukelstuhl ist ei­gentlich ein Produkt aus der Erkenntnis, dass das Universitätsmobiliar oft recht menschenunfreundlich gebaut ist. Beson­ders die Bestuhlung der Veranstaltungsräume ist rückenunfreundlich. Um Mö­glichkeiten aufzuzeigen, wie bereits vor­handenes Mobiliar mit einfachen Mitteln verändert werden kann, haben wir einen klobigen, bewegungsunfreundlichen Stuhl genommen und Kufen so angebracht, dass ein Schaukelstuhl daraus geworden ist.

6.3.3 Entspannungstraining im Wasser

Inhalt solcher Kurse ist die Entwicklung und Durchführung von Entspannungstech­niken im Element Wasser. Durch die Ei­genschaften des Wassers, Auftrieb und Strömungen zu erzeugen, ist dieses ein wirksames Mittel der Entspannung. Die Strömungseigenschaften des Wassers set­zen die Reizempfindlichkeit des vegetati­ven Nervensystems herab, was zu einer allgemeinen muskulären und psychischen Entspannung beiträgt. Durch den Wasser­druck und den Wasserwiderstand wird die Haut massiert, besser i)iur1hJ»Ivl »»A A‑;.e Atemmuskulatur verbessert.

Erfahrungen belegen, dass die Grund­stimmung einer wohltuenden Entspannung erst behutsam aufgebaut werden muss. Um die Bereitschaft zu körperlicher und seeli­scher Entspannung zu erhöhen, kann mit entspannender, ruhiger Musik gearbeitet werden.

Grundvoraussetzung für die meisten Übungen sollte der allmähliche Aufbau von Vertrauen in der Gruppe selber und anderen Partnern gegenüber sein. Zu Be­ginn eines Kurses fällt es vielen Teilneh­merinnen und Teilnehmern schwer, die Augen zu schließen, um sich einmal dem Element Wasser aber auch dem Partner oder der Partnerin anzuvertrauen. Erst nach einigen Wochen ist es vielfach möglich, sich angstfrei zu verhalten.

6.4 Handreichungen für Fitnessanfängerinnen und ‑anfänger

Ziel des Sporttreibens, insbesondere aber gesundheitsorientierter Angebote sollte es sein, dass die Teilnehmerinnen und Teil­nehmer selbständig in der Lage sind, an­geleitete Angebote nach einer gewissen Zeit auch ohne Hilfestellungen alleine weiterführen zu können. Deshalb bietet es sich an, den Teilnehmerinnen und Teil­nehmern zu besonderen Kursen begleiten­de Materialien an die Hand zu geben.

Solche Materialien werden heute von verschiedenen Trägem wie z.B. dem Deut­schen Turner‑Bund oder Krankenkassen herausgegeben. Die Nachfrage nach diesen Materialien im Rahmen des Forschungs­vorhabens der Universität Oldenburg belegen das große Interesse danach. Leider konnte die Verwendung und Wirksamkeit dieser Materialien nicht überprüft werden. Hier liegen weitere Forschungsnotwendig­keiten.

7. Ausblick: Sport und Gesundheit - nur zwei flüchtige Bekannte?

Ich habe zu zeigen versucht, dass das Sporttreiben nicht automatisch gesundheit­liche Wirkung haben muss. Das hängt da­mit zusammen, dass nicht mehr von "dem Sport gesprochen werden kann. Vielmehr ist zu fragen, wie Sportangebote gestaltet sein sollten, damit sie positive, gesund­heitliche Wirkungen haben können.

Um diese zu ermitteln, ist es erforder­lich, sich genauer über den Gesundheitsbe­griff zu verständigen. Dazu wurde von mir ein dynamisches Modell angeboten, wo­nach die Gesundheit ein ständiger Prozess des "In‑der‑Balance‑Bleibens" ist. Von einem solchen Gesundheitsverständnis ausgehend ist es möglich, mit Hilfe von Spiel‑ und Bewegungsangeboten die per­sönlichen Balancebemühungen der Men­schen zu unterstützen, was sich subjektiv zumeist in einem Wohlbefinden bemerkbar macht.

Ein solchermaßen gestalteter Sport dürfte vielfältige, gesundheitliche Wirkun­gen haben, wobei es erhebliche Schwierig­keiten bereitet, diese Wirkungen in jedem Fall belegen zu können.

Es bleibt jedoch die Gewissheit, dass Sport und Gesundheit nicht nur zwei flüchtige Bekannte sind, sondern eng zusammen ge­hören und damit für viele Menschen zu einer erheblichen, qualitativen Verbesse­rung ihres Alltages beitragen.

Prof. Dr. phil. Christian Wopp

Tags: Gesundheit | Sporttreiben

 
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