Behindertensport
Prof. Dr. Phil Gudrun Doll‑Tepper
Behindertensport
1. Historische und aktuelle Entwicklungen
Im Sport von Menschen mit Behinderungen zeichnen sich in den letzten Jahren deutliche Veränderungen ab. Neben der ursprünglichen Orientierung an rehabilitativ‑therapeutischen Zielsetzungen gewinnt der Sport zunehmend stärkere Bedeutung als Freizeitaktivität, wobei dem gemeinsamen spielerischen und sportlichen Handeln von behinderten und nicht behinderten Menschen eine zentrale Funktion zukommt. Neben den breitensportlichen Aktivitäten, die unter dem Motto "Sport für alle" zusammengefaßt werden können, wenden sich immer mehr Sportler und Sportlerinnen mit Behinderungen dem Wettkampf‑ und Leistungssport zu. War der Behindertensport in seinen Anfängen (vgl. Guttmann 1979; DollTepper/Pfister 1990) eher an der jeweiligen Behinderung orientiert, so weist der gegenwärtige Trend deutlich auf eine Orientierung am Sport hin.
Auch im Schulsport behinderter Kinder und Jugendlicher wurden in den letzten Jahren neue Wege beschritten. Es wurde versucht, dem spezifischen Interesse und Leistungsvermögen von behinderten Kindern im Sportunterricht der verschiedenen Sonderschulen Rechnung zu tragen. Zunehmend wird aber auch durch eine modifizierte Unterrichtsgestaltung gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderungen in sogenannten Integrationsklassen bzw. ‑schulen ermöglicht. Bisher ist es allerdings noch nicht ausreichend gelungen, eine entsprechende Qualifizierung des Fachpersonals zu gewährleisten.
Anzumerken ist an dieser Stelle, daß im Fachgebiet von Sport und Sportunterricht behinderter Menschen viele Fachtermini existieren, z.B. Sport; Bewegung; Spiel, und Sport; Psychomotorik und Motopädagogik; Behindertensport/Rehabilitationsport etc. und im internationalen Raum"Adapted Physical Education/Adapted Physical Activity" (vgl. DollTepper/Dahms/Doll/von Selzam 1990). Begriffe, die teilweise konkurrierend, teilweise aber auch zur Beschreibung ähnlicher oder gleicher Tätigkeitsfelder verwendet werden.
Das aktive Sporttreiben von Menschen mit Behinderungen ist in jüngster Zeit erheblich durch die beeindruckenden Fortschritte in der technologischen

Entwicklung von Rollstühlen, Prothesen und anderen orthopädischen Hilfsmitteln beeinflußt worden. Zunehmend wird, vor allem in amerikanischen Zeitschriften, auf die Einsatzmöglichkeiten von Sportrollstühlen bereits im Kindesalter aufmerksam gemacht. Hier stellen sich besondere Herausforderungen für die in Lehre, Forschung und Praxis tätigen Fachleute.
2. Internationale und nationale Orgnanisationen im Behindertensport
In einem kurzen Überblick sollen die für den Behindertensport zuständigen nationalen und intemationalen Organisationen dargestellt werden. Im September 19 89 wurde das "Internationale Paralympic Committee (IPC)" als internationaler Dachverband für den Behindertensport gegründet. Dem IPC gehören folgende Verbände an:
- ISOD
International Sports Organization for the Disbled (Amputierte und "Les Autres")
- ISMWSF
International Stoke Mandeville Wheelchair Sports Federation (Rollstuhlsport)
- IBSA
International Blind Sports Association (Blinde und Sehbehinderte)
- CP-ISRA
Celebral Palsy - International Sport and Recreation Association (Cerebralparetiker)
- INAS-FMH
International Sports Federation for Persons with Mental Handicap (intellektuell Beeinträchtigte)
Daneben existieren auf internationaler Ebene zwei weitere Behindertensport‑Organisationen:
- Special Olympics International (für Menschen mit geistiger Behinderung/intellektueller Beeinträchtigung und
- CISS Comit~ International des Sports des Sourds (für gehörlose und hörgeschädigte Menschen)
Auf nationaler Ebene ist für den Sport von Menschen mit Behinderungen der Deutsche BehindertenSportverband (DBS) zuständig. Er stellt die Dachorganisation für den gesamten Behindertensport in der Bundesrepublik Deutschland ‑ mit Ausnahme des Gehörlosensports ‑ dar. Dieser liegt in der Verantwortung des Deutschen Gehörlosen‑Sportverbandes. Beide Verbände sind wiederum dem Deutschen Sportbund (DSB) angegliedert. Seit wenigen Jahren gibt es auch in Deutschland einen nationalen Verband von"Special Olympics". Aus wissenschaftlicher Sicht beschäftigen sich zwei internationale Organisationen mit dem Behindertensport:
- International Federation of Adapted Physical Activity (IFAPA) und die
- European Association for Research into Adapted Physical Activity (EARAPA)
Detaillierte Informationen zu den genannten Organisationen sind bei der Autorin erhältlich.
3. Herausforderungen für Forschung, Lehre und Praxis
Alle in Forschung, Lehre und Praxis tätigen Fachleute sind aufgefordert, sich an der Identifikation und Lösung der aktuellen Probleme des Behindertensports zu beteiligen. Dabei geht es nicht nur um die fachbezogene Auseinandersetzung mit Fragestellungen, sondern vor allem um interdisziplinäre Zusammenarbeit in Theorie und Praxis. Bezogen auf die gegenwärtigen Forschungsbereiche im Behindertensport läßt sich in Anlehnung an DePauw (1988) folgende Übersicht zusammenstellen:
- Effekte von Training und Wettkampf
- Rekrutierung und Ausbildung von Lehrern, Trainern, Übungsleitern, Offiziellen etc.
- Technologische Entwicklung von Sportgeräten und Hilfsmitteln (Prothesen, Rollstühlen etc.)
- Unterschiede und Ähnlichkeiten im Leistungsport von Athleten mit und ohne Behinderungen
- Demographische Erhebungen im Behinderten sport
- Gesetzgeberische Initiativen, philosophische und historische Grundlagen des Behindertensports
(vgl. DePauw 1988)
Das sportwissenschaftliche Komitee des "International Paralympic Committee (IPC)" hat folgende Themen als besonders wichtig identifiziert:
- Klassifikation
- Integration
- Anwendbarkeit von biomechanischen, leistungsphysiologischen etc. Prinzipien auf demLeistungssport von Athleten mit Behinderungen
- Leistungsmessung
- Leistungssteigernde Maßnahmen, Doping
- Sportverletzungen im Behindertensport (Ätiologie, Prävention, Behandlung)
- Barrieren der Sportteilnahme
- Kinder‑ und Jugendsport
- Beginn, Verlauf und Ende der Sportlerkarriere im Behindertensport
- Einstellungen gegenüber Menschen mit Behinde rungen im Sport‑, Einstellungen vonMenschen mit Behinderungen gegenüber dem Sport
- Zuschauerinteresse und Medien
- Gleichberechtigung von Athleten unterschied lichen Geschlechts, unterschiedlicher Herkunft etc. (vgl.Doll‑Tepper 1994)
Im Hinblick auf Ausbildungs‑ und Spezialisierungsmöglichkeiten im Behindertensport werden gegenwärtig eine Vielzahl von Initiativen, getragen von unterschiedlichen Organisationen und Institutionen, entwickelt. Auf europäischer Ebene gibt es seit 1991 die Möglichkeit, im Rahmen eines europäischen Postgraduiertenstudiums den "European Master's Degree in Adapted Physical Activity" zu erwerben (vgl. van Coppenolle et al. 1993). Diese Beispiele machen Mut, weil sie zeigen, daß Zusammenarbeit über Fach‑ und Landesgrenzen hinweg möglich ist. Dies geschieht im Bestreben, allen Menschen mehr Qualität und Entscheidungsmöglichkeiten in verschiedenen Lebensbereichen, inkl. des Sports, zu bieten.
Literaturhinweise
DePauw, K.: Sport for Individuals with Disabilities: Research opportunities, in: Adapted Physical Activity Quarterly (5), 1988, S. 80‑90
Doll‑Tepper, G. et el.: The Future of Sport Science in the Paralympics Movement, Berlin, 1994
Doll‑Tepper, G.lDahms, C1Doll. B.Ivon Seltun, H. (Hrsg.): Adapted Physical Activity ‑ An Interdisciplinary Approach, Berlin‑Heidelberg‑Tokyo, New York, 1990
Doll‑Tepper, G.IPfister, G.: Die Entwicklung des Versehrtensports in: Deutscher Sportbund (Hrsg.)
Die Gründerjahre des Deutschen Sportbundes, Schorndorf 1990, 157 ‑ 160
Guttmann, L.: Sport für Körperbehinderte, München,1979
Van Coppenolle, H. et al. (Ed.): European master's Degree in Adapted Physical Activity, Leuven‑Amersfoort, 1993
Gudrun Doll‑Tepper
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Aktualisiert (Mittwoch, den 03. März 2010 um 12:52 Uhr)
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