Reitsport - Kraft, Flexibilität und Ausdauer
Dr. med. Matthias Bojer
Reitsport - Kraft, Flexibilität und Ausdauer
Das Reiten nimmt im Vergleich zu anderen Sportarten eine Sonderstellung ein, denn es ist der einzige Sport, bei dem Mensch und Tier muskulär aufeinander einwirken. Unzählige Untersuchungen und Veröffentlichungen beschäftigen sich mit der klassischen Reitweise und dem korrekten Sitz zu Pferde, wobei jedoch nach wie vor der Schwerpunkt auf der Ausbildung des Reitpferdes sowie der anzuwendenden Reittechnik liegt, um die spezielle Leistungsfähigkeit der Pferde zu verbessern. Zwar steht im Reitunterricht vor allem immer wieder der Sitz und die Einwirkung des Reiters im Mittelpunkt, aber welche Muskulatur dafür zuständig ist und wie die sportartspezifischen Anforderungen, beziehungsweise die motorischen Beanspruchungsformen des Reiters aussehen, bleibt weitgehend unberücksichtigt.
Eine von uns durchgeführte funktionell- anatomische Bewegungsanalyse des Reitens ergab, daß die Kraft- und Dehnfähigkeit bestimmter Muskeln eine nicht zu unterschätzende Grundlage für den Reiter darstellen. So kann ein Reiter mit muskulären Schwächen trotz intensivster Bemühungen eines sehr guten Unterrichts, in reiterlichen Entwicklung nicht vorankommen. Zu den muskulären Schwächen gehört vor allem eine Muskulatur, die die Beweglichkeit einschränkt. Einige Muskelgruppen neigen durch unsere meist sehr einseitigen und häufig zu geringen Belastungen im Alltag grundsätzlich zur Verkürzung. Betrachtet man dies in Zusammenhang mit den muskulären Anforderungen im Reitsport, so gibt es eine Reihe von Muskelgruppen, die beim Reiter zur Verkürzung neigen.
Der Reiter kann nicht mit korrekter Oberkörperhaltung auf dem Pferd sitzen, wenn eine verkürzte Brust- und vordere Schultergürtelmuskulatur den gesamten Schultergürtel nach vorne ziehen, wodurch ein Rundrücken entsteht. Weiterhin bewirkt eine verkürzte Rückenmuskulatur im Lendenwirbelbereich unterstützt durch verkürzte Hüftbeuger ein nach vorn gekipptes Becken, das nicht ausreichend aufgerichtet werden kann. Sind die Adduktoren verkürzt, preßt der Reiter seine Knie zu stark an den Pferdeleib, stellt sein Becken fest und kann nicht mehr in die Bewegungen des Pferdes eingehen. Sind die Muskeln der Oberschenkelrückseite verkürzt, beugt der Reiter sein Bein sehr stark im Kniegelenk, so daß er nicht in der Lage ist, es ausreichend zu strecken. Der beim Reiten so wichtige »tiefe Absatz« ist nur bei einer gut gedehnten Wadenmuskulatur möglich. Parallel dazu kann fehlende Kraft einzelner Muskeln in ähnlicher Weise die reiterlichen Bemühungen begrenzen. Dies ist insbesondere der Fall, wenn ein schwacher Antagonist einem verkürzten Muskel gegenübersteht. Somit gibt es aus reiterspezifischer Sicht einige Muskelgruppen, die speziell gekräftigt werden sollten, falls sie sich durch eine mangelnde Kraftfähigkeit auszeichnen.
Eine kräftige Schultergürtel- und Rückenstreckmuskulatur im Brustwirbelbereich ist erforderlich, um eine Aufrichtung des Oberkörpers zu gewährleisten und letztlich Gewichtshilfen optimal einzusetzen. Das für eine korrekte Hilfengebung des Reiters notwendige »lange Bein« wird durch eine Streckung im Hüftgelenk erzielt, wobei aber die Beweglichkeit des Beckens nicht eingeschränkt werden darf. Daher steht dabei die ischiokrurale Muskelgruppe der Oberschenkelrückseite mehr im Vordergrund als der M. glutaeus maximus, der bei zu starker Kontraktion den Reiter aus dem Sattel hebelt. Kräftige Adduktoren sorgen beim Springen und Reiten im Gelände für Sicherheit,
Über die reitsportspezifischen Aspekte der Ausdauer liefert die Literatur widersprüchliche Aussagen. Entgegen der häufig vertretenen Ansicht, daß es durch Reiten zu keiner Förderung des Herz-Kreislauf-Systems kommt, gibt es Untersuchungen, die eine mögliche Trainingswirksamkeit in Abhängigkeit von der Durchführungsform beweisen. Zudem kommt es darauf an, in welchem Ausbildungsstand sich der Reiter befindet und wie sein allgemeiner Trainingszustand ist.
Bezüglich der Koordination fordert die Deutsche Reiterliche Vereinigung (1993) vom Reiter Einfühlungsvermögen und Sensibilität, Anpassungsfähigkeit, körperliche Gewandtheit, schnelles Reaktionsvermögen, Konzentrationsfähigkeit und Gefühl für Rhythmus und Bewegungsabläufe. Auch die Zusammenhänge zwischen dem korrekten Sitz des Reiters und einer gezielten Einwirkung über die Hilfengebung verdeutlichen, wie hochkoordinativ die muskuläre Arbeit eines Reiters sein muß, da schon ein kleiner Haltungsfehler den angestrebten »Bewegungsdialog« zum Pferd unterbrechen kann.
Ergebnisse
Bei den Muskelfunktionstests ergaben sich nur im Bereich der Rumpfmuskulatur signifikante Unterschiede: Die Berufsreiter erwiesen sich gegenüber den anderen Gruppen als signifikant kräftiger. Die Turnierreiter, die Gruppen der Anfänger und Freizeitreiter sowie die Nichtreiter erzielten nahezu die gleichen Testergebnisse. Sowohl die Turnier- als auch die Berufsreiter erzielten im Bauchmuskeltest tendenziell bessere Ergebnisse als die Probanden der anderen Gruppen. Bezüglich der Dehnfähigkeit der Adduktoren kam es zu keinen signifikanten Unterschieden, doch erzielten die Berufsreiter und die Nichtreiter tendenziell die schlechtesten Ergebnisse.
Im Ausdauertest mittels des Fahrradergometers erwiesen sich die Berufsreiter als signifikant besser als alle anderen Gruppen.
Tendenziell waren in diesem Bereich die Turnierreiter und die Gruppe der Freizeitreiter besser als die Anfänger und die Nichtreiter.
Ein ähnliches Bild ergab sich bei der Körperfettmessung, wobei die Berufsreiter signifikant weniger Körperfett aufwiesen als die Freizeitreiter, die Anfänger und die Nichtreiter. Die Turnierreiter erzielten ein tendenziell besseres Ergebnis als die Freizeit-, Anfänger- und Nichtreiter, wiesen also einen geringeren Körperfettanteil auf, wobei geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigt wurden.
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