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Wieviel Auge braucht der Sport?

Dr. med. Dieter Schnell

Wieviel Auge braucht der Sport?

Optimale Leistungen im Sport setzen eine optimale Sehfähigkeit voraus, und zwar in der Lernphase ebenso wie in der Phase der Automatisation der Bewegung. Somit entscheiden in unserer Zeit, etwas überspitzt formuliert, die Sehqualitäten von Hochleistungssportlern oft über das Weltprestige einer Nation. Umso erstaunlicher ist es, daß der Sport die Wichtigkeit optimierter Sehfunktionen noch immer nicht erkannt hat. 40 Prozent aller Fehlsichtigen treiben ihren Sport ohne Sehkorrektur. Nur drei der über 50 Sportverbände in Deutschland prüfen die Augen ihrer Sportler und Kampfrichter. Neben den verschiedenen Sehschärfearten ist das räumliche und das periphere Sehvermögen, das Kontrast-, Farb- und Dämmerungssehen, die Akkommodation, die Flimmerverschmelzungsfrequenz, das Bewegungssehen sowie die Auge-Kopf-Körper- Koordination bei sportlichen Betätigungen von Bedeutung.

Wenn man einen sportbegeisterten Menschen fragt, welche Sehqualitäten, seiner Meinung nach, ein Leistungssportler benötigt, dann wird er antworten: Eine gute Sehschärfe! Ein Trainer wird hinzufügen: ... Und ein »schnelles Auge«. Beide Antworten sind richtig, aber unvollständig: Sie sagen nichts aus über die Vielfalt der Sehfunktionen, die im Sport eine Rolle spielen. Etwa 95 Prozent aller Umwelteindrücke im Sport nimmt der Mensch über das Auge auf. Der Begriff »Auge« dient hier als Synonym für das »Sehorgan«, welches aus beiden Augen, Nervenbahnen und Gehirnzentren besteht.

Nur wenn alle diese genannten Strukturen zusammenwirken, kann ein optimales Sehen ermöglicht werden. Nicht nur die zentralen, sondern auch die peripheren Funktionen des Sehorgans und höhere Funktionen des Zerebrums sind im Sport von Bedeutung.

Zentrales Sehen

Mit die wichtigste Funktion des Auges im Sport ist die Sehschärfe. Je nachdem, ob es sich um die Wahrnehmung von Stillstehendem oder Bewegtem handelt, spricht man von statischer oder dynamischer Sehschärfe. Die statische Sehschärfe spielt die Hauptrolle bei allen langsam ablaufenden Bewegungen.

Wir unterscheiden vier Sehschärfearten:

o   Mit Hilfe der Punktsehschärfe stellt man fest, ob ein Objekt vorhanden ist oder nicht. Bedeutung hat sie bei Querfeldeinsportarten (beispielsweise beim Waldlauf, Radsport) zur Erkennung der günstigsten Wegstrecke und von Hindernissen.

o   Eine gute Auflösungs- oder Kontrastsehschärfe zur Detailerkennung benötigt man bei Sportarten, die mit kleineren Gegenständen (Puck, Bällen) gespielt werden und bei denen stärkere Helligkeitskontraste vorkommen (Tennis, Golf, Segeln).

o   Die Lokalisations- oder Noniussehschärfe befähigt, kleinste Veränderungen der räumlichen Beziehung von Objekten zueinander festzustellen, zum Beispiel die Parallelität oder den Grad der Verschiebung von Linien zu beurteilen (Beispiel: Ablesen eines Nonius an der Schieblehre). Sie spielt bei Schießsportarten eine große Rolle. Da die Auflösung dieser Sehschärfenart höher liegt als auf Grund der optischen Eigenschaften des Auges und der Größe der Rezeptoreinheiten der Netzhaut zu erwarten wäre, spricht man auch von der »Übersehschärfe«.

o   Die Erkennungssehschärfe, die wir mit Visus bezeichnen, dient der genauen Identifizierung von Formen und Eigenschaften der Objekte. Neben den Kriterien, die die oben genannten Sehschärfearten beeinflussen, spielen hier auch psychische und andere zerebrale Faktoren (zum Beispiel die Fähigkeit des Formenerkennens) eine Rolle. Im Sport benötigt man sie beispielsweise zum Erkennen von Mit- oder Gegenspielern in Mannschaftsdisziplinen, von Zielmarkierungen, Anzeigetafeln.

Von unserer Arbeitsgruppe durchgeführte Feldversuche ergaben, daß alle genannten statischen Sehschärfearten auch beim dynamischen Sehen eine Rolle spielen, was aber nicht heißt, daß die Qualität der statischen Sehleistung Rückschlüsse auf die Güte des dynamischen Sehens zuließe.

Die dynamische Sehschärfe steigt schon während leichter sportlicher Betätigung, wie Warmlaufen und Joggen, an, trainiert und optimiert wird sie durch die Ausübung schneller Sportarten. Tennis-, Tischtennis-, Badminton-, Volley-, Basket-, Hand oder Baseballspieler erwerben in ihrem Sport eine erheblich bessere dynamische Sehschärfe als Sportler anderer Sportarten (beispielsweise Turnen, Schwimmen) oder ein nicht sporttreibendes Vergleichskollektiv.

Sehhilfen

Der Ausgleich von Fehlsichtigkeiten im Sport wird durch Sportbrille, Kontaktlinsen oder

bei Sportarten, die eines Augenschutzes (beispielsweise Squash) oder der Luft als optisches Medium (beispielsweise beim Tauchen)

bedürfen, unter Umständen durch die Kombination beider vorgenommen .

Welche Art und Ausführung einer Brille oder Kontaktlinse bei der betriebenen Sportart in Frage kommt, hängt von der Sportdisziplin und der jeweiligen Beschaffenheit der Augen ab, im Einzelfall sollte ein sporterfahrener Arzt beraten und entscheiden helfen. Die Vielfalt der möglichen Kontaktlinsen, sowohl bei den hochgasdurchlässigen harten (hartflexiblen) als auch bei den weichen ist zu groß, als daß ein Laie sich zurechtfinden könnte, zumal bei falscher Auswahl und Handhabung Gefahren drohen.

Farbsehen

Obwohl Farben im Sport meist keine allzu große Bedeutung haben, ist das Farbsehen doch von Wichtigkeit. An bewölkten Tagen nimmt der total farbenblinde Mensch zwischen 25 und 50 Kontraststufen wahr, der Farbnormale aber zwischen 5 und 10 Millionen. Dies ist vor allem bei Sportarten relevant, bei denen es auf das rasche Erkennen von kontrastarmen Objekten (Bällen, Spielfeldeinzeichnungen, Hindernissen wie Steinen, Wurzeln, Unebenheiten, Löchern) ankommt, so bei Sportarten über dem oder in dem Gelände (beispielsweise Fliegen, Fallschirmspringen, Autorennen, Querfeldein-Sportarten wie Laufen, Military, Radfahren, Golf, Skilauf). Neuere Untersuchungen haben gezeigt, daß das Kontrastsehen beim Skilauf durch (gelb-)farbige Brillen verbessert werden kann. Bedenkt man, daß sich das Auge Leuchtdichteunterschieden zwischen einem Milliardstel und 10 Millionen Candela pro Quadratmeter anpassen muß, so versteht man, daß hier eine große Adaptationsleistung zu vollbringen ist, auch und gerade im Sport. Einer guten Helligkeitsanpassung bedarf es zur Leistungsoptitnierung und Unfallverhütung beim Hallen- (Tennis, Badminton, Leichtathletik) und Nachtsport (Ultraläufe, Triathlon, Autorennen).

Räumliches Sehen

In vielen Sportarten spielt das räumliche Sehen eine große Rolle. Nur das volle beidäugige Stereosehen (mit Fusion) gibt genauen Aufschluß über die räumlichen Verhältnisse, läßt also präzise die Anordnung und Abstände der Sehdinge von einander erkennen. Einäugige Sehschärfenminderungen (künstlich durch Sichtfolien oder durch Verletzungen) führen zu erheblich stärkeren Störungen des räumlichen Sehens und damit auch zu intensiveren Beeinträchtigungen der sportlichen Leistungsfähigkeit als beidseitige.

Im Sport ist die Akkommodation im allgemeinen von untergeordneter Bedeutung. Eine gewisse Relevanz besitzt sie in Nahsportarten wie zum Beispiel Tischtennis, wo es bei Alterssportlern zu Korrekturschwierigkeiten kommen kann. Die Akkommodation spielt aber auch eine Rolle bei kaum bekannten Phänomenen, welche im Sport von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind, der Mikropsie und der Makropsie. Die Fähigkeit des Sehorgans, große Dinge zu verkleinern (Mikropsie), die nahe liegen (beispielsweise beim Fangen eines Medizinballes), und kleine, weiter entfernt liegende Objekte (Puck, Feldhockey- und Golfball) zu vergrößern (Makropsie), dient dem besseren Erkennen. Krankhafte Akkommodationsspasmen oder -lähmungen führen zu erheblichen Befindlichkeitsstörungen und in einigen Sportarten (Ballsportarten, Turnen) zu einem extremen Leistungsabfall.

Peripheres Sehen

Während das zentrale Sehen der Auflösung und dem Erkennen dient, vermittelt das periphere Sehen Raum-, Orientierungs- und Bewegungseindrücke.

Kein Mannschaftsspiel kann effektiv ablaufen, kein Wettkampf im Wasser oder zu Lande erfolgreich sein, wenn nicht Mitspieler oder Gegner gesehen und kontrolliert werden. Müßte man dazu immer den Kopf wenden, so verlöre man die Laufrichtung und das Bildwichtige »aus dem Auge«. Hier hilft die Orientierung über die Peripherie: Beim Blick geradeaus erfaßt der Mensch einen Bereich von 190 Grad, er sieht also auch Dinge, die leicht hinter ihm liegen, wendet er den Blick, so überschaut er drei Viertel der Zirkumferenz, etwa 270 Grad also. Mit Kopfwendung kann der Mensch ohne Körperdrehung rundum sehen.

Je peripherer ein, Gegenstand wahrgenommen wird, desto stärker muß er sich bewegen, um Aufmerksamkeit und Hinwendung zu erzeugen. Dieses gute »zeitliche Auflösungsvermögen« der Peripherie ist in den meisten Sportarten äußerst wichtig.

Höhere Sehfunktionen

Während beim Elfmeter im Fuß -oder dem Siebenmeter im Handball das statische Sehvermögen des Schützen ausschlaggebend ist, spielt beispielsweise bei der Ballannahme das dynamische Bewegungssehen die entscheidende Rolle. Das Bewegungssehen dient der Erkennung von Größe, Farbe, Gestalt, von Bewegungsrichtung und Bewegungsgeschwindigkeit scheinbar oder tatsächlich bewegter Objekte oder Körper. Wir unterscheiden das Sehen der Eigenbewegung von dem der Fremdbewegung. Das Bewegungssehen ist von völlig anderer Qualität, ob man zum Beispiel die Körperposition durch die Beobachtung des Umfeldes beim Trampolinsalto zu beurteilen hat oder als Trainer die Übungen eines Turners. Hohe Anforderungen stellt die synchronoptische Beobachtung zweier oder mehrerer Vorgänge an den Beteiligten. Müssen Kampfrichter beispielsweise mehrere Gliedmaßen gleichzeitig beobachten, so sind sie oft überfordert, vorallem, wenn die Beobachtungspunkte weiter auseinanderliegen, weil die Sehschärfe nur im Fixationspunkt optimal ist. Wir stellten durch Videoaufnahmen fest, daß bei den Gehwettbewerben in der Leichtathletik trotz intensivster Beobachtung durch Kampfrichter viele Schrittfehler nicht erkannt werden (eigene unveröffentlichte Ergebnisse). Unsere Empfehlung lautete daher, diese Disziplinen aus den Wettkämpfen zu streichen. Noch schwieriger wird die synchronoptische Beobachtung komplizierter Bewegungsabläufe wie beim Trampolinturnen.

Im Sport geht es nicht nur darum, ein Objekt (Ball, Schläger, Mit- und Gegenspieler) zu identifizieren und zu lokalisieren, sondern auch darauf, mit dem eigenen Körper angemessen zu reagieren. So kann der Tennisspieler nur optimal retournieren, wenn er sich frühzeitig auf den Ball des Gegners einstellt. Dieses Stellungsspiel ist abhängig von der dynamischen Sehfähigkeit, der Reaktionsgeschwindigkeit und der Erfahrung des Sportlers, es wird durch das Auge kontrolliert und korrigiert. Ein erfahrener Tennisspieler beobachtet die Schulter des Gegners, dann eine kurze Flugstrecke des Balles. Aus diesen Daten errechnet sein Gehirn die gesamte Ballflugbahn. Ohne daß er den Ballflug zuende beobachten muß, bringt er sich am errechneten Landepunkt des Balles in eine optimale Position: Auge, Kopf, Körper (Arm und Hand, Bein und Fuß) stellen sich darauf ein, den Ball annehmen und möglichst plaziert zurückspielen zu können.

Schlußbetrachtung

Während der Olympischen Spiele 1968 in Mexico-City und 1972 in München hatten wir bei der Betreuung von Sportlern vermutet, daß in einer Reihe von Fällen mangelhafte Sehqualitäten absolute Höchstleistungen verhinderten. Der Einfluß geminderter Funktionen des Sehorgans auf die sportliche Leistung wird auch heute noch weltweit unterschätzt. Ein Trainer läßt einen Hochspringer oder Hürdenläufer bei Mißerfolgen eher ein Kraft-, Konditions- oder Techniksondertraining absolvieren, bevor er dessen Sehfähigkeit untersuchen läßt, die in vielen Fällen an der Minderleistung schuld ist. Wir konnten die weitverbreitete Meinung widerlegen, nur in der Lernphase einer Sportübung habe das Sehorgan eine Kontrollfunktion, in der Phase danach, wenn die Übung »automatisch« (über die subkortikalen grauen Zentren) abläuft (Automatisationsphase), sei das Auge von untergeordneter Bedeutung:

Bei einem in den siebziger Jahren durchgeführten Versuch unserer Arbeitsgruppe überquerten von fünf Weltklasse-Hürdenläufern mit verbundenen Augen zwei die erste, drei die zweite, keiner die dritte Hürde. Auch die Tatsache, daß bei (vor allem einseitiger) Visusminderung die Korbtrefferrate von Anfängern und Profibasketballern extrem sinkt, beweist, daß das Auge Bewegungen unabhängig von der Perfektion des Sportlers stets kontrolliert und korrigiert (eigene unveröffentlichte Ergebnisse). Bei einer von uns vor 15 Jahren abgeschlossenen fünfjährigen Studie stellten wir fest, daß von den 234 Hochleistungssportlern, denen unsere Arbeitsgruppe Kontaktlinsen anpaßte, 51 Prozent eine deutliche Leistungssteigerung aufwiesen

Tags: Auge | Kontaktlinsen | Leistung | Sehen | Sport

 
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