Altern und Sport der Frau
Prof. Dr. med. Detlef Mühlenstedt
Altern und Sport der Frau
Vor 100 Jahren haben etwa nur 30 von 100 Frauen das Alter der Menopause überhaupt erlebt.
Heute hat sich die Situation grundlegend gewandelt, denn im Alter von 60 Jahren leben noch weit über 90 % aller Frauen. Die mittlere Lebenserwartung beträgt in unserem Lebensraum derzeit 80,3 Jahre, mit zunehmender Tendenz. Die Frau von heute verbringt folglich nahezu B⁄d ihres Lebens in einem Oestrogenmangelzustand, also jenseits der sogenannten Wechseljahre. Für unser Thema, Alter und Sport der Frau, sind zwei Organsysteme von besonderem Interesse:
Einmal das cardio-vaskuläre System, und schließlich das Osteoporose-Risiko, also das Knochensystem.
Nach der Menopause steigt das Risiko cardio-vaskulärer Erkrankungen, die schließlich jede sportliche Aktivität ausschließen können. Drei von vier Frauen mit cardio-vaskulärem Risiko versterben auch an diesem, während jede dritte Frau an dem Risiko eines Mammacarcinoms verstirbt und nur jede zehnte Frau an den Folgen einer osteoporotischen Fraktur. Dieses bedeutet, daß das oestrogenmangelbedingte Morbiditätsrisiko in erster Linie cardio-vaskulär bedingt ist.
Altersabhängig betrachtet, ist das Risiko durch einen Myocardinfarkt zu sterben für die Frau prae- und perimenopausal im Vergleich zum Mann völlig unbedeutend. Mit zunehmendem Alter erhöht sich das Risiko bei Frauen deutlich, übersteigt schließlich das Risiko des Mannes.
Aktuelle Daten zeigen, daß insbesondere die Frau mit einer bereits bestehenden Vorerkrankung, wie Status nach Herzinfarkt, etablierter Arteriosklerose, erhöhtem Blutdruck- und Lipidstoffwechselstörung noch mehr, nämlich bis zu 75 % von einer Hormonsubstitution profitieren würde.
Der Goldstandard ist also die Reduzierung der cardiovaskulären Probleme durch eine angemessene Hormonsubstitution. Dieses hat zur Folge, daß sportliche Aktivität, Leistungsfähigkeit und Trainierbarkeit durch Hormonsubstitutionsmaßnahmen erhalten, ja sogar entscheidend gefördert werden können.
Was hat dieses nun konkret
mit unserem Thema zu tun ?
Körperliches Training wirkt altersbedingten Veränderungen der Körperzusammensetzung entgegen, wobei auch deutlich geschlechtsspezifische Unterschiede bestehen. Der prozentuale Anteil des Körperfettes bei Frauen und Männern unterscheidet sich grundlegend.
Ein Krafttraining erhöht die fettfreie Körpermasse bei Frauen signifikant. Altersbedingte Veränderungen der Skelettmuskulatur beginnen bereits in der Mitte der dritten Lebensdekade. Diese Veränderungen führen in den Muskelzellen zu einer Verschlechterung des energieliefernden Metabolismus. Die Muskelatrophie umfaßt beide Geschlechter in annähernd gleichem Maße. Da aber die Ausgangsmuskelmassen zugunsten des Mannes verschoben sind, resultiert ein Verlust an muskulärer Leistungsfähigkeit, wobei die Veränderungen bei der Frau relativ geringer sind, bezogen auf die Querschnittsfläche der Oberarmmuskulatur in unterschiedlichem Alter.
Dynamische Kraftübungen sind ein Spiegel der Muskelleistung, so nimmt die Zahl der geleisteten Liegestütze in zunehmendem Alter bei beiden Geschlechtern ab. Ein dynamisches Krafttraining führt, insbesondere bei Frauen jenseits der Wechseljahre,zu einem Kraftanstieg um 30 bis 90 %. Der Effekt ist größtenteils bereits nach 3 Monaten nachweisbar. Dabei konnte durch Muskelbiopsien eine Zunahme der Querschnittsfläche der aktiven Fasern belegt werden.
Dieser Effekt kann neben dem Training durch eine Oestrogensubstitution noch verstärkt werden. Körperliches Training wirkt der alterungsbedingten Abnahme der stoffwechselaktiven Körpermasse entgegen. Insbesondere die aktive Sauerstoffaufnahme wird durch Ausdauerbelastungen erhöht.
Training und hormonelle Balance sind wichtige, sich ergänzende Faktoren; sie wirken degenerativen Herz-Kreislauf-Erkrankungen entgegen. Diese synergistischen Effekte, also Stabilisierung des Muskelsystems selbst, Verbesserung der Sauerstoffaufnahme und Verminderung von Herz-Kreislaufproblemen sind diejenigen Faktoren, die sich positiv auf die Ausdauerbelastung, auch der Senioren, auswirken und den Seniorensport somit besonders wertvoll machen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt
Bewegungskoordination bestimmt die Qualität eines Bewegungsablaufes und bezeichnet das Zusammenwirken einzelner Muskeln einer Extremität. Durch alterungsbedingte Veränderungen kommt es zu einer Verminderung der Aktivität der sogenannten motorischen Endplatten, also der nervalen Komponente des Bewegungsablaufes, einer Verminderung der Feinabstimmung zwischen Nervenimpulsen und muskulärer Reaktionsfähigkeit. Dadurch wird die Feinkoordination verschlechtert. Sportliche Aktivität hat damit eine ganz neue Dimension:
Es schützt nicht nur Herz-Kreislauf und fördert dessen Leistungsfähigkeit, es fördert nicht nur die Leistungsbereitschaft einer Muskelzelle und schließlich Kraft und Ausdauer, sondern es aktiviert koordinative Fähigkeiten. Die gesamte Harmonie eines Bewegungsablaufes wird durch entsprechendes Training im Alter erhalten oder neu erarbeitet.
Ein weiterer Aspekt, der mit Sport
und Alter der Frau zu tun hat,
ist das Thema der Osteoporose.
Jede postmenopausale Frau entwickelt eine Osteoporose, d. h. eine Entkalkung ihrer Knochen. In der Postmenopause verdoppelt sich das relative Frakturrisiko nahezu alle 5 Jahre. Der Substanzverlust beträgt etwa 2-3 % pro Jahr.Bei einem osteoporotischen Knochen geht die Feinstruktur verloren, Querverstrebungen können nie wieder aufgebaut werden. Bei Traumatisierung kommt es somit leichter zur Fraktur.
Auch kann hier eine adäquate Oestrogen- Gestagen-Substitution entgegenwirken, die Stabilität des Knochensystems stützen und die Frakturgefahr entscheidend eindämmen.
Wie wirkt sich in diesem Punkte
nun sportliches Training aus ?
Knochen reagieren wie Muskeln: Wenn man sie gebraucht, werden sie kräftiger und leistungsfähiger. Wenn man sie nicht gebraucht, werden sie schwächer. Der Effekt eines sportlichen Trainings auf die Knochen ist außerordentlich spezifisch. Er tritt nur an jenen Stellen der Anatomie ein, wo echt belastet wird. Läufer profitieren somit überwiegend im Bereich ihrer Beinknochen.
Die Menopause ist ein Lebensabschnitt, in dem die meisten Frauen leider weniger Sport treiben und mehr sitzen, obwohl die Knochen in jedem Alter auf körperliche Aktivität ansprechen.
Viele Frauen über 50 glauben heute noch,Sport sei möglicherweise zu gefährlich für sie. In Wahrheit ist Sport nicht gefährlich, sondern die Inaktivität.
Fast jede Art von Krafttraining steigert die Fitness, kräftigt Herz und Lungen, tonisiert die Muskeln und hat positive Effekte am Knochensystem. Man braucht allerdings eine Trainingsart, bei der die langen Röhrenknochen belastet werden und gegen die Schwerkraft arbeiten müssen:
z. B. Joggen, strammes Gehen, Radeln, Tanzen und alle Art von Springen und Lauftraining. Schwimmen ist für viele Bereiche sehr hilfreich, bringt aber wenig Gewinn für die Knochen, weil das Wasser die Wirkung der Schwerkraft aufhebt. Ein regelmäßiges Trainingsprogramm im Alltag ist somit wichtig, hiermit erweist man seinen Knochen einen wahrlich guten Dienst.
In diesem Punkte kann der therapeutische Effekt des angemessenen Trainings durch hormonelle Gaben sinnvoll unterstützt und gefördert werden.
So gilt auch hier, was schon für Muskel- und Herzkreislauf galt:
Angemessenes Training und hormonelle Balance, dies sind die Faktoren, die nicht das Altern gänzlich abstellen, dieses wäre in der Tat eine Utopie, die aber den Alterungsprozeß verlangsamen und die Lebensqualität durch bessere Leistungsfähigkeit erhöhen und hiermit erschließt sich über all die bisher besprochenen körperlichen Aspekte eine sozial-medizinische und psychologische Dimension.
Erfülltes Leben im Alter setzt
Leistungsfähigkeit voraus.
Diese Aspekte werden immer wichtiger !
Schon am Anfang meiner Ausführungen betonte ich, daß nahezu B⁄d ihres Lebens die Frau des 20. Jahrhunderts jenseits der Wechseljahre verbringt. Erinnert sei daran, daß um 1900 die Lebenserwartung nur etwa 50 Jahre betrug, also erreichte man damals gerade dasjenige Alter, in dem die Wechseljahre eigentlich erst beginnen.
Heute lebt eine Frau etwa 30 Jahre im Durchschnitt nach der Menopause, welch dramatischer Wandel in der Demographie, mit welchen Folgen für unser Gesundheitssystem und unser Gesundheitsbewußtsein.
Die heutige Veranstaltung setzt hierzu den rechten Akzent.
| Weiter > |
|---|
RSS Feed abonnieren

















