Höhenmedizin

Prof. Dr. med. Christiane Graf

Wen der Berg ruft ... Ein Exkurs in die Höhenmedizin

Noch bis vor wenigen Jahren waren die extremen Höhen der Gebirgswelt lediglich einigen Spitzenbergsteigern zugänglich. Durch die verbesserte Technologie und Infrastruktur hat aber das Interesse der breiten Öffentlichkeit an der Höhe zugenommen. Die Konsequenz: mit viel Glück ein wunderbares Erlebnis, nicht selten aber auch die Höhenkrankheit in all ihren Erscheinungsformen und schlimmstenfalls der Tod.

Im Mittelpunkt der Problematik steht die Hypoxie in der Höhe bzw die Akklimatisation an diese. Damit ist die Anpassung des Organismus an die dünne, sauerstoffarme Luft gemeint. Wie schnell und wie ausgeprägt ein Mensch sich in der jeweiligen Höhe akklimatisieren kann, ist individuell unterschiedlich. Die Bandbreite reicht von sehr schnell und unkompliziert bishin zu wenigen, die überhaupt nicht in der Lage sind, sich zu akklimatisieren.

Physiologisch kommt es ab 1 500 m im Rahmen der Anpassungsmechanismen zu einer Zunahme der Ventilation, Steigerung der Atemfrequenz und des Atemzugvolumens. Daraus resultiert eine Hypokapnie sowie respiratorische Alkalose, die wiederum durch die Abgabe von Bikarbonaten renal kompensiert wird. Ziel ist es, den arteriellen pH-Wert soweit als möglich zu normalisieren. Weiterhin führt der Prozeß zu einer Steigerung der Herzfrequenz, die jedoch mit zunehmender Akklimatisation nachläßt. Beobachten läßt sich außerdem infolge der Hypoxämie eine vermehrte Sekretion von Erythropoetin. Dies führt zu einer Zunahme der Erythrozyten bzw. des Hämatokrits und der Hämoglobinkonzentration.

Bei Erwachsenen ist die vollständige Akklimatisation nur bis zu einer Höhe von etwa 5 000 bis 5 500 Höhenmetern möglich. Darüber scheint es sich um ein labiles Gleichgewicht zwischen inkompletter Höhenanpassung und Toleranz einer chronischen Hypoxämie zu handeln. Über 8 000 m ist eine Akklimatisation gar nicht erreichbar, daher ist der Einsatz entsprechender Hilfsmittel, zum Beispiel von Sauerstoffgeräten, bei längerem Aufenthalt unverzichtbar.

Leider gibt es bisher noch keine Möglichkeiten, sich schon vor einer Reise im Flachland auf die Hypoxie vorzubereiten. Versuche in denen spezielle Gasgemische eingeatmet wurden, zeigten keine Verbesserung bzw. schnelleres Erreichen der Akklimatisation.

Ist jemand unzureichend akklimatisiert, kann es ab einer Höhe von 2 500 m zu einer Höhenkrankheit kommen. Darunter versteht man verschiedene Erscheinungsbilder, angefangen bei der akuten Höhen- oder Bergkrankheit, die sich vorrangig durch Kopfschmerzen und Schlafstörungen äußert und verschiedene Schweregrade aufweist. Bei der schweren Form zeigt sich wie beim Höhenhirnödem in der Computertomographie ein zerebrales Ödem. Auch Störungen des Magen- Darm-Traktes, Müdigkeit und Schwindel kommen vor. Es besteht ein fließender Übergang in das komplikationsträchtigere Höhenlungen- bzw. Höhenhirnödem, die mit entsprechenden Beschwerden wie Atemnot und trockenem Husten bzw. neurologischer Symptomatik wie Ataxie, Verwirrtheit bis hin zum Koma auftreten. Werden diese Anzeichen nicht rechtzeitig beachtet und adäquate Maßnahmen eingeleitet, kann es für den Betroffenen schlimmstenfalls tödlich enden.

Bisher wurde pathophysiologisch für die akute Höhenkrankheit und das Höhenhirnödem eine geringe Steigerung der Ventilation unter Hypoxie, Wasser- und Natriumretention sowie eine erhöhte Kapillarpermeabilität nachgewiesen. Dem Höhenlungenödem liegen ebenfalls diese Mechanismen zugrunde, zusätzlich zeigt sich aber gegenüber Normalpersonen ein zwei- bis dreifach erhöhter pulmonalarterieller Druck.

Wegen der vielfach organisierten Trekkingtouren mit zu schnellen und engmaschigen Aufstiegsplänen hat die Zahl der Zwischenfälle zugenommen. Betroffene Gruppenteilnehmer neigen dazu, Beschwerden zu ignorieren oder zu verschweigen. Dabei steht in der Behandlung das Kennen bzw. Erkennen von Symptomen an erster Stelle. Zu einer akuten Höhenkrankheit kann es ca. 6 bis 12 Stunden nach Höhenexposition kommen. Wird darauf der Anstieg unterbrochen, verschwinden die Symptome im allgemeinen innerhalb von ein bis zwei Tagen wieder. Mißachtung kann aber dann zu den obengenannten komplizierteren Krankheitsbildern führen.

Das Risiko einer Höhenkrankheit nimmt deutlich ab, wenn man berücksichtigt, daß die Anstiegsgeschwindigkeit dem Akklimatisationsgrad und der individuellen Höhentoleranz angepaßt wird. Allgemeinen Empfehlungen zufolge sollte ab 2 500 bis 3 000 m der Aufstieg täglich nicht mehr als 300 Höhenmeter betragen oder zumindest die entsprechende Schlafhöhe nicht darüber liegen. Ist das aus logistischen Gründen schlecht möglich, sollte alle 1 000 Höhenmeter ein Ruhetag zur Akklimatisation eingelegt werden. Treten Symptome jeglicher Art auf, ist eine Unterbrechung, wenn nicht gar ein Abstieg unvermeidlich!

Über eine medikamentöse Prophylaxe wird unterschiedlich diskutiert. Menschen, die schlecht akklimatisieren oder bei früheren Reisen unter entsprechenden Symptomen litten, sollten in jedem Fall Medikamente wie Acetazolamid (z. B. Diamox bzw. Nifedipin (z. B. Adalat im Rucksack tragen, das dann entweder prophylaktisch oder bei Auftreten von Schlafstörungen und/oder Übelkeit eingenommen wird. Einfache Analgetika (z. B. Paracetamol oder Acetylsalicylsäure) helfen gegen die, eine akute Höhenkrankheit begleitenden Kopfschmerzen.

Beim Höhenlungenödem bzw. Höhenhirnödem kann medikamentös Nifedipin (10 mg sublingual, dann 20 mg alle 6 Stunden) oder ein Cortisonpräparat (Dexamethason 8 mg, dann 4 mg alle 6 Stunden) gegeben werden. Wenn entsprechende Apparaturen verfügbar sind, sollte der Kranke reinen Sauerstoff atmen oder in einer hyperbaren (Sauerstoffüberdruck-) Kammer, die niedrigere Höhen simuliert, untergebracht werden.

Besonders gefährdet ist in der Höhe derjenige, bei dem Vorerkrankungen bestehen. Wenn beispielsweise Durchblutungsstörungen, etwa des Herzens, vorliegen, kann sich das in der sauerstoffarmen Luft fatal auswirken. Daher sollte man sich vor Höhentouren untersuchen lassen, einschließlich der Durchführung eines Belastungs-EKGs.

Wünschenswert ist, daß es erst gar nicht zum Auftreten einer Höhenkrankheit oder anderen gesundheitlichen Störungen kommt. jeder angehende Trekker kann und sollte sich schon bei der Reiseplanung - abgesehen von einem Gesundheitscheck vorbereiten, indem er sich bei entsprechenden Vereinen informiert und sich - wenn möglich - von Spezialisten beraten läßt. Außerdem gibt es im Zuge der Höhenüberschwemmung inzwischen sehr viel Literatur und praktische Vorbereitungskurse für Neulinge und Fortgeschrittene.

Eine der grundlegenden Empfehlungen sollte deshalb lauten: Nutzen Sie das breite Angebot, damit für Sie die Höhe nicht alp-, sondern traumhaft wird.

Tags: Bergsteiger | Höhenmedizin | Vorbereitungskurse

 
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