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Bewegung ist Leben

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Univ.-Prof. (mult.) Dr. med. Dr. h. c. Wildor Hollmann

Bewegung ist Leben

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die oberste Gesundbehörde der Erde, und der Weltverband für Sportmedizin (FIMS), der 100 Nationen umfaßt, verabschiedeten im April 1994 nach einer gemeinsamen Tagung in Köln die »Kölner Deklaration«, welche an alle Regierungen der Erde ging und von führenden Wissenschaftlern aus allen fünf Kontinenten erarbeitet wurde. Die vom Direktor der WHO, D. J. Gyárfás, und dem Präsidenten der FIMS, Prof. Dr. Dr. W. Hollmann, vorgestellte und von Wissenschaftlern aus 31 Nationen unterzeichnete Erklärung hat folgenden Wortlaut:

Kölner Deklaration der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des Weltverbandes für Sportmedizin (FIMS) vom 9. April 1994

Gesundheit und körperliche Aktivität

Ein Aufruf an alle Regierungen der Erde

Technisierung und Automation haben die muskuläre Belastung und die der inneren Organe in den vergangenen vier Jahrzehnten in zahlreichen Ländern der Erde radikal verringert. Dadurch ist sowohl im Beruf als auch im freizeitlichen Dasein der Kalorienverbrauch in erheblichem Maße reduziert worden. Zusätzlich verleiten die heutigen Möglichkeiten von Fernsehen, Hörfunk und Computerspielen zu einer sitzenden Lebensweise.

Eine Vielfalt von internationalen Forschungsergebnissen von epidemiologischer, klinischer und experimenteller Art führt zu dem Schluß, daß körperliche Aktivität die Lebenserwartung verlängert und gegen zahlreiche chronische Erkrankungen einen relativen Schutz verleiht. Dazu zählen die koronare Herzkrankheit, die Hochdruckerkrankung, der nicht insulinabhängige Diabetes mellitus, die Osteoporose und der Dickdarmkrebs. Umgekehrt lassen einschlägige andere Untersuchungen eine Vergrößerung des Risikos zur Entstehung von koronarer Herzkrankheit, Hochdruck, Altersdiabetes, Schlaganfall, Prostatakarzinom, Lungen- und Brustkrebs sowie für psychologische Beeinträchtigungen wie Depressionen in Verbindung mit körperlicher Inaktivität erkennen. Im Gegensatz dazu unterstützt körperliche Aktivität die Rehabilitation von Patienten mit arteriosklerotisch verursachten Herz-Kreislauferkrankungen, einigen neurologischen Krankheiten und Beeinträchtigungen am Halte- und Bewegungsapparat. Bei älteren und alten Personen hilft körperliche Aktivität zur Beibehaltung der körperlichen Selbständigkeit und wirkt alternsbedingten körperlichen und geistigen Leistungsverlusten entgegen.

Die WHO und die FIMS weisen auf eine ungeheure Verschwendung menschlichen Potentials aufgrund von vermeidbaren Erkrankungen in Verbindung mit ungenügender körperlicher Aktivität hin. Etwa die Hälfte der Weltbevölkerung mag davon heute betroffen sein, beginnend im Kindes- und Jugendalter. Die Todeszahlen, welche maßgeblich durch körperliche Inaktivität begünstigt werden, sind vergleichbar den durch Rauchen verursachten.

Darum bitten WHO und FIMS alle Regierungen eindringlich, Programme zur Förderung der körperlichen Aktivität und Fitneß als festen Bestandteil der öffentlichen Gesundheitspolitik zu entwickeln und zu fördern. Ziele sollen sein:

  • Tägliche körperliche Aktivität sollte den Eckpfeiler eines gesunden Lebensstils darstellen.
  • Kindern und Jugendlichen sollten Gelegenheiten für tägliche Bewegungsprogramme geboten werden mit dem erzieherischen Effekt, daß körperliche Aktivität sich zu einer lebenslangen Gewohnheit entwickeln sollte;
  • Erwachsene sollten eine täglich mindestens 30-minütige gezielte körperliche Aktivität von mäßiger Intensität auf sich nehmen, z. B. schnelles Gehen, Wandern oder Treppensteigen. Intensivere Belastungen wie langsamer Dauerlauf, Radfahren und Schwimmen könnten zusätzliche gesundheitliche Vorteile erbringen;
  • Frauen benötigen spezifische Möglichkeiten zur Ausübung von körperlichem Training;
  • Ältere und alte Personen, deren Prozentsatz in der Bevölkerung weltweit ansteigt., sollten ermutigt werden, einen aktiven Lebensstil unabhängig vom Alter beizubehalten, um so ihre körperliche Unabhängigkeit zu bewahren und altersbedingten körperlichen und geistigen Leistungsverlusten entgegenzuwirken;
  • Behinderte Personen und chronisch Kranke sollten in besonderer Weise bei der Erarbeitung von Möglichkeiten zu gezielter körperlicher Aktivität unterstützt werden.
  • Obwohl die Verantwortung für Gesundheit letztendlich bei jedem einzelnen selbst liegt, sind regierungsseitige Maßnahmen erforderlich, um eine soziale und belastungsbezogen optimale Umgebung zu schaffen, welche jeder Form von körperlicher Aktivität und damit einem körperlich aktiven Lebensstil dient. Die Förderung körperlicher Aktivität muß Teil der gemeinwohlbezogenen Politik sein. Folgende Maßnahmen sind notwendig:
  • Ausbildung, Weiter- und Fortbildung von Ärzten, anderen Gesundheitsberufen und Lehrern für ihre Aufgabe zur Förderung körperlicher Aktivität;
  • Schaffung entsprechender Anlagen durch die lokalen Behörden und die zentrale Regierung;
  • Wissensvermittlung um Erziehungsprogramme sowohl in den Schulen als auch über die Massenmedien;
  • Berücksichtigung zur Durchführungsmöglichkeit von gezielter körperlicher Aktivität im Rahmen der Städteplanung;
  • auch nicht-staatliche Organisationen sollten es sich zu eigen machen, einen körperlich aktiven Lebensstil im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu unterstützen;
  • die Durchführung von körperlicher Aktivität und die Beurteilung des körperlichen Fitneßgrades hinsichtlich nationaler Durchschnittswerte vom Kindes- bis zum Greisenalter sollte Teil der gemeinwohlbezogenen Politik sein.

 

Auf dem Weg in die Präventivmedizin

Die Medizin befindet sich heute in der zweifellos größten Umbruchsituation ihrer Geschichte. Es handelt sich um die Verlagerung der Schwerpunkte in Forschung, Lehre und Praxis von der Therapie (Behandlung) auf die Prävention (Vorbeugung). Es wird in zukünftigen Jahren und Jahrzehnten weniger darauf ankommen, eine Krankheit zu heilen das wird gewissermaßen eine Selbstverständlichkeit sein als vielmehr das Auftreten einer Erkrankung zu verhüten. Der Fortschritt des Wissens, verbunden mit dem der technischen Entwicklungen, wird mit Sicherheit eines Tages die Medizin in den gewünschten Stand versetzen.

Im Vordergrund sowohl des individuellen als auch des allgemein gesellschaftlichen Interesses stehen Herzkreislaufkrankheiten, Stoffwechselleiden, Krebserkrankungen, Beschwerden am Halte- und Bewegungsapparat sowie altersbedingte körperliche und geistige Leistungseinbußen.

In allen genannten Bereichen kennen wir heute schon einige wirksame Vorbeugungsmöglichkeiten. In den USA, Kanada und Australien ist die Welle zunehmender Herzinfarkt-Tote Europa um ca. zwei Jahrzehnte vorausgegangen. Als eine bedrohlich große Herzinfarkt-Todesrate nach Ende des Zweiten Weltkrieges in den USA beobachtet wurde, beschloß man eine großangelegte epidemiologische Studie. Sie startete 1949 in Framingham. Mehr als 5.000 Personen unterzogen sich regelmäßigen Untersuchungen unter Einbeziehung von Fragestellungen nach ihrer gesamten Lebensführung. Zwölf Jahre später, nämlich 1961, konnte von hier aus die erste Veröffentlichung vorgenommen werden mit Bezugnahme auf die Bezeichnung »Risikofaktoren«. Man versteht darunter einen Faktor, dessen Veränderung gegenüber einem Normalwert eine besondere Gefährdung der betreffenden Person in Bezug auf eine bestimmte Krankheit anzeigt. Im Laufe der nachfolgenden Jahre und Jahrzehnte konnte eine Fülle von Risikofaktoren im Hinblick auf die oben genannten Krankheitsbilder ermittelt werden. Auf ihrer Berücksichtigung baut sich die vorbeugende Medizin auf. Insbesondere die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf, die oberste Gesundheitsbehörde der Erde, sammelt und überprüft alle Mitteilungen über Risikofaktoren, um dementsprechende Gesundheitsempfehlungen zu veröffentlichen.

 

Interne Risikofaktoren

Es ist zwischen internen und externen Risikofaktoren zu unterscheiden. Die Ermittlung von internen Risikofaktoren ist durchweg der ärztlichen Untersuchung vorbehalten, während externe Risikofaktoren Ausdruck unserer Lebensführung sind. Beispiele für interne Risikofaktoren sind:

o   ein zu hoher Blutdruck (Hypertonie), wobei sowohl ein zu hoher oberer Blutdruckwert (der systolische) als auch ein zu hoher unterer Blutdruckwert (der diastolische) bedeutsam ist;

o   ein zu hoher LDL-Cholesterinwert;

o   ein zu niedriger HDL-Cholesterinwert;

o   ein zu hoher Quotientenwert; gebildet aus LDL-Cholesterin/HDL-Cholesterin;

o   ein zu hoher Lp(a)-Wert;

o   ein zu hoher Insulinwert im Blut;

o   schlechte Fließeigenschaften des Blutes (verbunden mit verschiedenen Risikofaktoren);

o   Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) u. a.

Das soll am Beispiel des Blutdruckverhaltens näher erläutert werden. Der normale Blutdruck beträgt 120 ± 10/80 ± 10 mmHg. Es stehen zwei 30-jährige Männer zusammen, beide ohne einen krankhaften Befund, ohne einen Risikofaktor, weitgehend identische psychische und soziologische Bedingungen als theoretischer Ausgangszustand. Der eine von ihnen hat einen normalen oberen Blutdruckwert von 130/90 mmHg, der andere einen normalen unteren Blutdruckwert von 110/70 mmHg. Unter diesen Voraussetzungen hat die letztere Person mit dem niedrigen Blutdruckwert eine um sieben Jahre höhere Lebenserwartung. - Prinzipiell verhält es sich ebenso mit den anderen internen Risikofaktoren.

 

Externe Risikofaktoren

Die externen Risikofaktoren sind Ausdruck unserer Lebensführung. Folgende sind von der Weltgesundheitsorganisation anerkannt:

o   Bewegungsmangel bzw. Nichtinanspruchnahme schützender Auswirkungen eines körperlichen Trainings;

o   Rauchen, insbesondere Zigarettenrauchen, und Genußmittelmißbrauch;

o   Unphysiologische Ernährung (quantitativ und qualitativ);

o   Disstreß.

Tags: Bewegung | Risikofaktoren





 
 
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