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Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin

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Acht Fragen an Prof. Dr. Helmut Digel, Professor für Sportwissenschaften inTübingen, Mitglied des IAAF-Councils und von 1933 bis 2001 Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes


„Berlin - eine gute Hilfestellung für Münchens Olympia-Bewerbung"

DOSB PRESSE: Mit welchen Gefühlen fahren Sie nach dieser Weltmeisterschaft nach Hause?


DIGEL: Mit sehr guten, denn die Berliner haben sich als großartige Gastgeber gezeigt und eine
tolle Veranstaltung auf die Beine gestellt, was mir alle vom Council des Internationalen
Leichtathletik-Verbandes mit Anerkennung bestätigten. Die Begeisterung auf den Rängen war
geradezu sensationell, und es wurden alle gefeiert, egal ob es sich nun um Deutsche oder auch
deren Gegner handelte. Solch ein faires Publikum findet man nur ganz selten. Sportlich haben
die Titelkämpfe alles gehalten, was man sich von ihnen versprochen hat. Natürlich war Usain
Bolt der absolute König, und seine beiden Weltrekorde gehen als Glanzlichter in die Geschichte
dieser WM ein. Aber ich muss auch sagen, dass sich unsere deutschen Athleten hervorragend
verkauft und bewiesen haben, dass auch sie in der Lage sind, Goldmedaillen zu gewinnen.

DOSB PRESSE: Wie beurteilen Sie nun den Stellenwert der Leichtathletik in Deutschland, wo
doch der Fußball alles dominiert?

DIGEL: International betrachtet haben wir den Anschluss an die Weltspitze wieder hergestellt
und gehören zu den besten Nationen. Ich würde sagen, wir sind die Nummer Vier hinter den
USA, Russland und Jamaika, das sicherlich diesmal Außerordentliches geleistet hat. Aber ich
bezweifle, dass das auch in Zukunft immer so sein wird. Auf jeden Fall hat die Leichtathletik
einen bedeutenden Imagegewinn erzielt. Davon zeugen nicht zuletzt die guten Einschaltquoten
im Fernsehen, was ja nicht immer so war.

DOSB PRESSE: Konkretisieren Sie doch bitte den momentanen Leistungsstand unserer
Athleten, der Sie doch auch zuversichtlich stimmen müsste - oder?

Digel: Neun Medaillen, das ist eine gute Ausbeute, die vorher nicht zu erwarten war. Wir sind im
Hinblick auf die kommenden Olympischen Sommerspiele in London nicht schlecht aufgestellt,
weil viele junge Athleten nach vorn drängen und vor einer erfolgreichen Karriere stehen. Das gilt
beispielsweise für die beiden Bronzemedaillen-Gewinner im Hochsprung Ariane Friedrich und
Raul Spank, auch für die 4 x 100-m-Frauenstaffel und einige andere Athleten, die diesmal noch
keine Medaille errangen, aber ihr Talent beziehungsweise Potenzial andeuten. Und dann darf
man nicht den Diskuswerfer Robert Harting vergessen, der ja auch erst 24 Jahre alt ist und
sicherlich noch einiges bewirken kann.

DOSB PRESSE: Apropos Harting. Hat er sich mit seinen zum Teil unmöglichen Aussagen über
die Freigabe von Dopingmitteln, seinem Verhalten gegenüber Dopingopfern des DDR-Sports
beziehungsweise der Kritik an der DLV-Führung selbst geschadet, um nicht zu sagen,
disqualifiziert?
DIGEL: Er ist noch ein junger Mann, der aber sehr bald gemerkt hat, dass er weit über das Ziel
hinausgeschossen ist. Und er hat sich ganz offiziell für seine Fehler entschuldigt. Man muss mit
ihm Geduld haben, schon allein deshalb, weil er als Kind und Jugendlicher eine harte Zeit hinter
sich hatte und aus sozial schwierigen Verhältnissen stammt. Er sollte sich allerdings darüber im
Klaren sein, dass er jetzt als Weltmeister eine gewisse Verantwortung und Vorbildfunktion für
den Nachwuchs hat. Deshalb hat er eine Chance verdient. Ich wünsche ihm, dass er die
Gelassenheit lernt und in seinen Reden mehr überlegt.

DOSB PRESSE: Ein Grundsatzproblem - sind nicht neun WM-Tage des Guten zu viel, oder wie
erklären Sie sich, dass das Olympiastadion an bestimmten Tagen nur halb voll war?

DIGEL: Die Funktionäre des Internationalen Verbandes nahmen das gar nicht so tragisch, weil
sie vor allem von der fast euphorischen Stimmung auf den Rängen in totale Begeisterung
gerieten. Grundsätzlich aber sollten Überlegungen angestellt werden, das Programm zu
reformieren, denn neun Tage sind einfach zu lang. Ich bin für sieben Tage, wobei in jeder
Abendveranstaltung sechs bis sieben Entscheidungen stattfinden sollten. Alle Qualifikationen
und Vorkämpfe müssten dann auf die Vormittage verlegt werden. Die Zuschauer wissen ganz
genau, welche Wettbewerbe für sie interessant sind und welche nicht, zumal sie auch an ihren
Geldbeutel denken müssen. So war beispielsweise der erste Sonntag mit dem 100-m-Finale der
Männer mit dem hochstilisierten Duell Bolt gegen Gay ein absolutes Muss für jeden Fans. Das
Stadion war toll besucht und am vorletzten Tag sogar ausverkauft, weil hier ein Highlight das
andere ablöste.

DOSB PRESSE: Erstmals fanden das Gehen und die Marathonläufe direkt in der City statt,
begannen und endeten nicht wie sonst im Stadion, sondern am Brandenburger Tor. Wie
beurteilen Sie diese Neuerung?

DIGEL: Das war eine sehr gute Idee, die übrigens von Horst Milde, dem Berliner Marathonveranstalter,
stammt, der viel Erfahrung in dieser Beziehung hat. Die IAAF nahm den Vorschlag
sofort auf und wurde dafür mit einem großem Publikumsinteresse belohnt, denn allein zu den
beiden Marathon-Konkurrenzen kamen mehr als eine Million Zuschauer an die Strecke, die
zudem hervorragend ausgesucht war, an historisch interessanten Bauwerken vorbei führte und
ein Stück wahres Berlin zeigte. Für mich steht fest, die Verlagerung der Straßenwettbewerbe in
die Innenstadt sollte künftig Modellcharakter erlangen.

DOSB PRESSE: Was sagen Sie zu Usain Bolt und den übrigen Leistungen der Jamaikaner,
hinter die nicht wenige ein Fragezeichen setzen?

DIGEL: Überall dort, wo einmalige Leistungen zustande kommen, wird kritisch hinterfragt, ob
alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Mit diesem Verdacht müssen alle Athleten leben. Das
trifft nicht nur auf die Jamaikas Sprinter zu. Für mich kommen die Resultate allerdings nicht
überraschend, denn dieser kleine Inselstaat in der Karibik fördert die Leichtathletik wie kaum ein
anderes Land. Das gilt vor allem für den Schulsport. Dort werden Talente frühzeitig gesichtet und
gezielt vorbereitet. Hinzu kommt noch, dass viele die Möglichkeit des sozialen Aufstiegs sehen
und dadurch zusätzlich motiviert werden, was in unserer normalen Industriegesellschaft kaum
noch der Fall ist.

DOSB PRESSE: Hat Berlin den Beweis erbracht, dass Deutschland nach wie vor Top-
Veranstaltungen bestens ausrichten kann?

DIGEL: Auf jeden Fall. Das haben wir ja schon mit der Fußball- und Handball-Weltmeisterschaft
erlebt. Darin machte diesmal auch die Leichtathletik keine Ausnahme. Wir sind eben in der Welt
als hervorragende Organisatoren geschätzt, die professionell solche Ereignisse über die Bühne
bringen. Berlin hat in jedem Fall eine gute Hilfestellung für München geleistet, das sich um die
Olympischen Winterspiele 2018 bewirbt. Mehrere Mitglieder des IOC haben mit Genugtuung
registriert, was hier ablief, zumal ein Großteil die wiedervereinte Stadt zum ersten Mal besuchte.

Berlin gehört aufrichtiger Dank.
 
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