Kein Verein - undenkbar
Sport ist für viele in unserer Mediengesellschaft in erster Linie Hochleistungssport

Olympische Spiele, Weltmeisterschaft, Rekorde,
Skandale und Skandälchen - damit möchte der Sportkonsument heute unterhalten werden. Und auch diejenigen, die darüber berichten, sonnen sich gerne im Glanz von Siegern oder spüren gefallenen Helden gnadenlos hinterher. Wen interessiert da schon die Basis, der ganz normale Vereinsalltag, der so normal nun heute gar nicht mehr ist? Der deutsche Verein, einzigartig auf der Welt, viel belächelt, ist heute in vielen Bereichen eine gemeinnützige Stütze dieser Gesellschaft. Vielleicht sollten Aktionen, wie sie der Landessportbund Berlin mit seiner sportpolitischen Stadtrundfahrt anbot, zum festen Vereinsprogramm werden, um Öffentlichkeit, aber auch Politiker darauf hinzuweisen, was Vereine heute zu stemmen haben - vor allem in deutschen Großstädten und Ballungsgebieten.
Berlin ist in vielen Bereichen Vorreiter und Vorbild - hat schon in den 70er Jahren erkannt, was mit dem Thema Integration auf diese Stadt zukommen wird und gehandelt, nimmt sich der Kinder aus armen Familien an, kümmert sich um Gesundheit von groß und klein. Weder in Berlin noch anderswo in dieser Republik drückt sich der Sport vor seiner sozialen Verantwortung oder Herausforderung, die ihm mehr oder weniger von anderen aufgedrängt wurden. Der Sportverein als Reparaturwerkstatt für erzieherische Fehlleistungen. Von vielen wird er als Allheilmittel gesehen und überfordert. Doch ohne Sport und seine ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helfer stünde es um den sozialen Frieden nicht nur in manchen Berliner Kiezen vielleicht noch schlechter als ohnehin. Die große Welt und somit die Vereinswelt ändern sich: jedes zweite Grundschulkind wird in einigen Berliner Bezirken im nächsten Jahr einen Migrationshintergrund haben, immer mehr Kinder leben an der Armutsgrenze, immer mehr ältere Menschen, die ihrer Einsamkeit entfliehen wollen und Anschluss im Sportverein suchen, leben in der Stadt und in der
Republik. Und die wollen so lange wie möglich fit bleiben und für sich selbst sorgen.
Die Arbeit des Vereins wird als selbstverständlich hingenommen. Oft wissen Mitglieder gar nicht, was in ihrem Klub außer der von ihnen selbst betriebenen Sportart noch so alles angeboten wird.
Oder gar mit welchen Problemen sich Vereinsvorstände herumschlagen müssen, die nicht gerade auf Tausende von Euros auf dem Vereinskonto zurückgreifen können. Nur wenn der eigene persönliche Umfeldfriede gestört wird, dann schreckt mancher aus seiner wohl organisierten Bewegungs-Behäbigkeit auf. Man sollte meinen, dass das Kapitel „Kinderlärm" endlich geschlossen wäre: Der Deutsche akzeptiert aber immer noch eher Straßenlärm oder donnernde Rasenmäher als die Geräuschkulisse spielender Kinder. Der Verein und diejenigen, die unentgeltlich dafür arbeiten, sind keine Selbstverständlichkeit. Darüber sollten alle einmal nachdenken - ob sie nun selbstverständlich zu „ihrer Sportstunde" eilen, oder sich über die „lauten Kinder" auf dem Bolzplatz aufregen. Unterstützung ist gefragt, Verständnis und auch ein Dankeschön. Vereinsleben ist in der krisengeschüttelten Gesellschaft ein Stück Lebensqualität.
Das merken viele erst dann, wenn es plötzlich keinen Verein mehr gibt. Aber das ist undenkbar.
Bianka Schreiber-Rietig
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