Wasser marsch!
Die Sensationen der Moderne wollen richtig eingeordnet und bewertet sein. Oftmals lässt diese Bewertung aber zu wünschen übrig. Nehmen wir das Beispiel Schwimmen. Wer hier nach dem aktuellen Nonplusultra öffentlicher Wahrnehmung fragt, der wird mit Rekorden auf der Basis hochleistungssportlicher Materialschlachten konfrontiert. Ein neuer Schwimmanzug ermöglicht Fabelzeiten und Traumergebnisse. Und das Mediengetöse ist entsprechend. Dagegen nehmen Wasserstandsmeldungen, die die eigentliche Sensation darstellen, nur eine bescheidene Randposition ein. Pünktlich zu Beginn der Sommersaison wurde verkündet, dass sich die Gewässerqualität in Deutschland und Europa erheblich verbessert hat. EU-Kommission und Europäische Umweltagentur bescheinigen: Flüsse, Seen und Küsten präsentieren sich hochprozentig sauber und laden zu ungetrübtem Badespaß. Eine Entwicklung, die noch vor wenigen Jahren angesichts allzu vieler Kloaken in der freien Natur als utopisch erschien. Auf nationaler Ebene hat beispielsweise auch der organisierte Sport dieses Umweltdesaster frühzeitig erkannt und benannt und in verbandspolitischen Aufgabenkatalogen weit nach vorne gerückt. Bereits in den 1970er-Jahren machte etwa die Deutsche Sportjugend mit Umweltaktivitäten öffentlichkeitswirksam Furore.Jetzt also „Wasser marsch“ ohne Reue?
Nur weil aus trüber Brühe weitgehend klares Nass geworden ist, sind natürlich nicht sämtliche Baderisiken ausgeschlossen. Die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) weist im Gegenteil sogar auf eine Ausweitung der Gefährdung hin, weil mehr Badegelegenheiten die Sicherheitsproblematik erhöhen. Auch im sauberen Wasser kann man ertrinken, so die DLRG.
Zigtausende Rettungsschwimmer leisten zwar Millionen von Stunden ehrenamtlichen Wachdienst pro Jahr mit bemerkenswerter Erfolgsquote, aber eine wachsende Zahl unbewachter Gewässer lässt auch die Risiken steigen. Mit Nachdruck weist die DLRG gerade in ihrer neuesten Öffentlichkeitskampagne Gesetzgeber und Behörden von der Bundesebene bis zur kommunalen Basis auf den großen Nachholbedarf bei Sicherheitsstandards hin. Gefahren erkannt, aber noch längst nicht gebannt - vor allem auch, wenn man die besondere Nichtschwimmer-Problematik mit sträflichen Versäumnissen im Kindes- und Jugendalter hinzurechnet.

Badesaison 2009: Gute Wasserqualität für Millionen Schwimmbegeisterte und Sorgen um die Sicherheit halten sich anscheinend die Waage. Der rekordverdächtige Schwimmanzug für die wenigen Spitzencracks müsste da eigentlich zur Randnotiz werden.Harald Pieper
| < Zurück | Weiter > |
|---|
RSS Feed abonnieren




